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Hinterland Nach 178 Jahren ist Schlussverkauf
Landkreis Hinterland Nach 178 Jahren ist Schlussverkauf
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13:58 29.03.2021
Heike Franz rückt die Ware für den Räumungsverkauf ins rechte Licht. Mit dem Schließen des Sportgeschäftes endet in Gladenbach eine mehr als 175-jährige Geschäftstätigkeit.
Heike Franz rückt die Ware für den Räumungsverkauf ins rechte Licht. Mit dem Schließen des Sportgeschäftes endet in Gladenbach eine mehr als 175-jährige Geschäftstätigkeit. Quelle: Foto: Gianfranco Fain
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Gladenbach

Die Inhaberin Heike Franz beendet den Verkauf von Sportartikeln, den sie vor neun Jahren gänzlich von ihrem Vater Peter Bellersheim übernahm.

Weder die zunehmende Konkurrenz aus dem Internet noch die Corona-Pandemie führten die 63-Jährige zu diesem Entschluss, vielmehr ist es die mangelnde Aussicht auf einen Nachfolger, die Heike Franz den Schlussstrich ziehen lässt. Denn von ihren beiden bereits erwachsenen Nachkommen zeigten sowohl die Tochter als auch der Sohn kein Interesse am Fortführen des traditionsreichen Geschäfts. Und dann gibt es noch den nahenden Eintritt ins Rentenalter.

Da traf es sich gut, dass sich der Plan erfüllen ließ, die Flächen der Geschäftsräume und des Lagers zur Mitte des Jahres zu verkaufen. Mittlerweile ist sie auch mit sich im Reinen, setzte sich lange mit dem Thema der Aufgabe des Geschäftes auseinander, welches seit fast 100 Jahren mit unterschiedlichen Waren unter Bellersheim-Regie lief.

Da alles doch etwas schneller ging als gedacht, hat Heike Franz noch keinen Plan, was sie im Ruhestand tun wird. Diesen genießen, meint sie spontan, vor allem die Freizeit, die sie haben wird, statt ständig im Geschäft zu stehen. Und dann ist da noch ihr Vater, um den sie sich mehr kümmern kann.

Der hilft ihr derzeit noch im Geschäft, könne aber – Corona sei Dank – sich mittlerweile auch ein Leben ohne Adriansen vorstellen. Ihr schweben Spaziergänge mit ihrem Vater vor, aber selbst auch schwimmen oder wandern zu gehen. Schließlich wartet auch noch das eine oder andere Ehrenamt darauf, ergriffen beziehungsweise ausgefüllt zu werden.

Was aus den Geschäftsräumen wird, kann Heike Franz nur andeutungsweise sagen. Der neue Besitzer werde vermutlich den Verkaufsraum im Erdgeschoss wieder teilen, sodass zwei Geschäfte Platz finden, und die Lagerräume im Obergeschoss in Wohnraum umwandeln.

Von Gianfranco Fain

Von Kupferwaren bis Sportartikel

Als der aus den Niederlanden stammende Peter Matthias Adriansen im Jahre 1843 die Ortsbürgerschaft in seiner neuen Heimat Gladenbach zuerkannt bekam, eröffnete er sein Handelsgeschäft mit Kupferwaren, weitete es 20 Jahre später auf Eisen und Eisenwaren aus.

Mit dem Vertrieb von Guano-Dünger, Rübenschneider, Kesselöfen und sogar Dreschmaschinen weitete Adriansen sein Geschäft stetig aus, bis er es an seinen Sohn Rudolf übergab. Dieser musste das Geschäft neu aufbauen, nachdem ein Feuer das Gebäude im Jahr 1900 zerstörte. Der Schaden betrug damals 200 000 Mark. Nur ein Jahr später stand das heutige Haus und der Handel begann erneut.

Eine Zäsur folgte nach dem Ersten Weltkrieg, weil es in der Familie Adriansen keine männlichen Nachfolger zum Weiterführen des Geschäfts gab. Als zweiter Aufkäufer übernahmen Carl Bellersheim und seine Frau Antonie im Januar 1925 das Adriansen-Haus und führten das Geschäft weiter. Bis 1934 führten sie beide Geschäfte, Bellersheim und Adriansen, bevor sie sie 1950 unter den beiden Söhnen Karl und Walter aufteilten.

Als Karl Bellersheim sieben Jahre später starb, übernahmen seine Ehefrau Margarethe, der 22-jährige Sohn Peter und dessen Frau Inge den Betrieb, in dem es bis 1974 neben Eisenwaren auch Lebensmittel sowie Sportartikel zu kaufen gab. Ab dem Jahr 2001 spezialisierte sich Peter Bellersheim in den erweiterten Geschäftsräumen auf Sportartikel und übergab elf Jahre später (2012) die Geschäftsleitung an seine Tochter Heike Franz, der er aber nach 60 Jahren im Geschäft noch helfend zur Seite steht.