Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Landkreis Die SED scheitert an Kerzen und Gebeten
Landkreis Die SED scheitert an Kerzen und Gebeten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:05 09.10.2009
70.000 Menschen ziehen am 9. Oktober 1989 über den Leipziger Ring.
70.000 Menschen ziehen am 9. Oktober 1989 über den Leipziger Ring. Quelle: Uwe Pullwitt (Archiv)
Anzeige

Marburg. Stasi-Chef Erich Mielke schäumte förmlich vor Wut, als er am Abend des 40. Jahrestags der DDR den Skandal bemerkte: Vor dem Palast der Republik, in dem das SED-Politbüro mit Staatsgästen zum Festbankett versammelt war, demonstrierten 3.000 DDR-Bürger gegen ihren Staat. „Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus“, sagte Mielke, stellte sein Sektglas beiseite und schickte seine Schlägertrupps los.

Die Stasi bewährte sich noch einmal als Schild und Schwert der Partei, knüppelte mit zuvor nie gesehener Brutalität die Demonstration nieder und nahm zahlreiche Menschen fest.

Zwei Tage später: Leipzig am Montag, 9. Oktober 1989. In der Messestadt herrscht der Ausnahmezustand. Ab 17 Uhr werden wieder Tausende zu den Friedensgebeten in den Leipziger Innenstadt-Kirchen erwartet. Die haben sich an den Montagabenden zuvor nach dem Gottesdiensten zu Demonstrationen auf dem Leipziger Ring versammelt. Das soll heute unbedingt vermieden werden. Die DDR-Führung droht für Leipzig die „chinesische Lösung“ zur Zerschlagung der bürgerlichen Oppositionsbewegung an.

Im Laufe des Tages werden Bereitschaftspolizisten, Betriebskampfgruppen, Fallschirmjäger rund um die Stadt zusammengezogen. In den Außenbezirken stehen Schützenpanzerwagen bereit. 5.000 Mann sollen an diesem Tag in Leipzig unter Waffen stehen. Für alle Leipziger Krankenhäuser gilt Alarmzustand; sie werden mit zusätzlichen Blutkonserven versorgt. Den ganzen Tag über wird im Rundfunk vor dem Besuch der Leipziger Innenstadt ab 16 Uhr gewarnt. Auf dem breiten Straßenring um die Innenstadt soll die Machtfrage im Sinne der SED entschieden werden.

In einem Akt der Verzweiflung schicken die Einheitsozialisten schon um 14 Uhr 600 Partei- und Stasi-Aktivisten in die Nikolaikirche, die Keimzelle und Zentrum des kirchlichen Widerstandes in der DDR ist. Motto: Wo wir schon sind, können keine Anderen sein. Gemeindepfarrer Christian Führer muss beim Anblick der stocksteif in den Bankreihen sitzenden Genossen innerlich lachen. Der Begründer der seit dem 20. September 1982 allmontäglichen Friedensgebete bittet die seltsamen Kirchgänger um Geduld. „Es geht noch nicht los, weil unsere Gemeindemitglieder jetzt noch arbeiten müssen“, lässt der evangelische Geistliche wissen. Führer nutzt die Zeit, um die SED-Atheisten mit den grundlegenden Verhaltensmustern für Gottesdienstbesucher vertraut zu machen.