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Landkreis Die Nacht der Nächte
Landkreis Die Nacht der Nächte
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20:06 08.11.2009
Die Teilung Berlins ist überwunden: Berliner feiern in der Nacht zum 10. November auf der Mauer.
Die Teilung Berlins ist überwunden: Berliner feiern in der Nacht zum 10. November auf der Mauer. Quelle: dpa
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Marburg. Die Chronologie jenes denkwürdigen Tages und der folgenden Nacht der Nächte:

5 Uhr: Die Zeitungen erscheinen. „Bild“ titelt: Wende für Deutschland?/ Freie Wahlen/ Das Volk hat gesiegt. Das „Neue Deutschland“, Zentralorgan der SED, titelt: 10. Tagung des Zentralkomitees des ZK der SED hat in Berlin begonnen.

9 Uhr, Ostberlin, DDR-Innenministerium: Gerhard Lauter, Oberst der Volkspolizei und zuständig für das Pass- und Meldewesen, trifft sich in seinem Dienstzimmer mit drei weiteren Offizieren. Im Auftrag von Innenminister Friedrich Dickel sollen sie bis zum Mittag eine Beschlussvorlage für den Ministerrat und das Politbüro erarbeiten. Inhalt: Die Modalitäten zur raschen ständigen Ausreise aus der DDR. Hintergrund: Die DDR-Führung will die Unzufriedenen schnell loswerden, um Druck aus dem Kessel zu nehmen.

10 Uhr, Ostberlin, Gebäude des SED-Zentralkomitees: Die 213 Mitglieder und Kandidaten des ZK beginnen den zweiten Tag ihrer Beratungen. Zu Beginn mokiert sich Egon Krenz über die DDR-Medien, die nicht mit gewohnter Ergebenheit über den ersten Tag der ZK-Tagung berichtet hatten.

11 Uhr, Ostberlin, DDR-Innenministerium: Die vier Offiziere um Gerhard Lauter erlauben sich eine nie zuvor da gewesene Eigenmächtigkeit. Sie erweitern ihren Auftrag zur Formulierung einer neuen Reiseverordnung um die DDR-Bürger, die ihr Land nicht für immer verlassen, sondern nur besuchsweise ins Ausland reisen wollen. Sie fügen den entscheidenden Absatz in den Text ein, der am Abend die Mauer öffnen sollte: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandschaftsverhältnisse) beantragt werden. Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt.“

11.20 Uhr, Ostberlin, ZK-Gebäude: Günter Schabowski, Medienbeauftragter des SED-Politbüros, muss sich vor dem ZK für das DDR-Medienecho entschuldigen.

12 Uhr, Ostberlin. DDR-Innenministerium: Die Gruppe um Gerhard Lauter hat sich auf den Entwurf geeinigt, den der VoPo-Oberst seiner Sekretärin in die Maschine diktiert. Die beiden Stasi-Offiziere aus der Gruppe lassen sich den Text telefonisch von ihrem Vorgesetzten absegnen. Auf der zweiten Seite des Papiers steht nur noch ein Satz: Der Sperrfristvermerk für die beigefügte Pressemitteilung. Die Medien sollen erst am Freitag, 10.November, 4 Uhr, über die neue Verordnung informiert werden. Die Autoren wollen so der DDR-Bürokratie genügend Zeit geben, sich auf den Ansturm der DDR-Bürger einzustellen. Kurierfahrer bringen das Papier unverzüglich ins ZK-Gebäude und in das Büro von Innenminister Dickel.

12.15 Uhr, Ostberlin, ZK-Gebäude: Egon Krenz zeigt während einer Zigarettenpause das neue Reisepapier einigen Politbüro-Mitgliedern. Keine Aufregung: Beim flüchtigen Überfliegen des Textes wird der eingefügte Absatz zum Thema Privatreisen schlicht übersehen. Die SED-Greise halten das Papier für deckungsgleich mit dem zwei Tage alten Entwurf, der in der DDR-Bevölkerung große Empörung ausgelöst hatte, weil er für die Bleibewilligen keine Reisemöglichkeiten vorsah. Günter Schabowski nimmt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an der Tagung teil.

13 Uhr, Flughafen Köln-Bonn: Bundeskanzer Helmut Kohl fliegt mit einer Bundeswehr-Maschine zum Staatsbesuch nach Warschau.

14.40 Uhr, Ostberlin, Staatsratsgebäude der DDR: Egon Krenz empfängt NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Rau spricht das Thema Reisefreiheit an. Krenz fordert neue bundesdeutsche Milliardenkredite, weil die Reisefreiheit den DDR-Bürgern ohne Zugriff auf West-Devisen nichts nütze.

16 Uhr, Ostberlin, ZK-Gebäude: Egon Krenz stellt den Entwurf zur neuen Reiseverordnung vor. Er macht nicht den Eindruck, als habe er den bürokratisch formulierten Passus zu den Privatreisen verstanden. Das ZK nimmt den Entwurf ohne Aussprache zur Kenntnis. Um 17.45 Uhr übergibt Krenz das vom Ministerrat noch nicht genehmigte Papier zwischen Tür und Angel an Schabowski. Er soll den Text in der Pressekonferenz vorstellen. Den Hinweis auf die Sperrfrist gibt Krenz nicht.

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