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Landkreis Die Grenze teilte Haus, Hof und Dorf
Landkreis Die Grenze teilte Haus, Hof und Dorf
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13:14 22.10.2009
Das geteilte Haus bei Philippsthal heute: Der Gebäudeteil ganz rechts steht auf thüringischem Gebiet. Das Auto passiert gerade die Grenzlinie auf der alten Bundesstraße 62.
Das geteilte Haus bei Philippsthal heute: Der Gebäudeteil ganz rechts steht auf thüringischem Gebiet. Das Auto passiert gerade die Grenzlinie auf der alten Bundesstraße 62. Quelle: Matthias Mayer
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Philippsthal. Die Grenze zwischen den deutschen Länder spielte seit Gründung des Deutschen Reiches beim Bau von Straßen, Eisenbahnlinien oder Häusern keine Rolle mehr. Es wurde dort gebaut, wo die Gegebenheiten für das Projekt günstig waren. Das galt auch für die 1861 zwischen dem hessischen Soisdorf und dem thüringischen Wenigentaft errichtete Buchenmühle. Die Ländergrenze geht mitten durch den Dreiseithof. Auf westlicher Seite liegen das Mühlengebäude, Wohnhaus, Scheune und Stall. Auf östlicher Seite befanden sich das Auszugshaus für das alte Müllerpaar, die Remise und der für die Trinkwasserversorgung unerlässliche Brunnen. Die exponierte Lage auf dem einsamen Gehöft sollte sich für die Müllersfamilie erst mit dem Ende des 2. Weltkriegs bemerkbar machen.

Die Veränderungen waren zunächst harmloser Natur. Grenzer beider Seiten nutzten bei ihren Streifengängen den Hof als Rastplatz, ließen sich bisweilen zu Kartenspielen mit der Müllersfamilie nieder. Die Wende kam 1952. Mit dem Ausbau der DDR-Grenzanlagen rückte der Hof ins Zentrum des kalten Krieges. Soldaten errichten quer durch den Hof einen Grenzzaun, lediglich zum Brunnen ließen sie einen Durchlass, doch auch der wurde eines Tages geschlossen. 30 Beamte des Bundesgrenzschutzes halfen der Müllersfamilie als "Grenzverletzer" am nächsten Tag, ihr Hab und Gut aus den östlichen Gebäuden zu bergen. Die Remise wurde abgerissen und am 14. September 1961 fiel unter den Augen eines großen BGS-Kommandos das Auszugshaus der Spitzhacke zum Opfer. Als die DDR-Grenztruppen auch noch einen Doppelzaun mit Minenfeld quer über seinen Hof legten, gab der Müller 1964 auf und siedelten auf einen anderen Hof um.
Einige Kilometer weiter nördlich steht in der Philippsthaler Siedlung Weidenhain das langgestrecke Gebäude der Druckerei Hoßfeld. Das Haus mit den hohen Rundbogen-Sprossenfenstern im Gewerbetrackt strahlt die Gediegenheit der Vorkriegszeit aus. Papa und Mama Hesselbach von der berühmtesten Zeitungsfamilie der deutschen Fernsehgeschichte, hätten hier ihr Zuhause gehabt haben können. Statt der "Weltschau am Sonntag" wurde in diesem Hause seit 1893 die "Rhönzeitung" redigiert, gesetzt und gedruckt. Da das Verbreitungsgebiet in Thüringen lag, errichtete die Familie Hoßfeld 1928 einen grenzüberschreitenden Anbau an das ursprüngliche Gebäude, der ihr eine Adresse in Thüringen und damit steuerliche Vorteile einbrachte.
Kaum 20 Jahre später erwies sich diese Entscheidung als Nachteil für die Hoßfelds. Sie wurden zu Bürgern der Sowjetisch Besetzen Zone und später der DDR, obwohl ihr Haus nur zu einem Zwölftel auf DDR-Territorium lag. Die Familie entschloss sich zur Flucht in den Westen - innerhalb des eigenen Hauses! In der Silvesternacht 1951/52 mauerten sie ihre Haustür Richtung Thüringen zu und räumten den östlichen Gebäudeteil. Dieser wurde durch die DDR-Behörden umgehend enteignet und durfte nicht mehr betreten werden. Das berühmte geteilte Haus war entstanden.
Erst nach dem Grundlagenvertrag einigten sich Bundesrepublik und DDR auf eine Gebietsaustausch, die Hoßfelds erhielten ihren Anbau am 1. Januar 1976 zurück. Die Druckerei, die mit dem Wechsel von Ost nach West den Großteil ihrer Geschäftsbeziehungen verlor, gibt es mehr; die Produktionsräume stehen seit Jahren leer. Pläne der heutigen Eigentürmerin Hildegard Abraham, einer Hoßfeld-Enkelin, das Haus in eine Gedenkstätte umzuwandeln, stießen bei Landkreis, Land und Bund auf taube Ohren, obwohl früher in diesem Mahnmal gegen die deutsche Teilung viele bundespolitische Größen Gäste gewesen waren.
Dagegen ist ganz Mödlareuth heute eine Gedenkstätte: Das Deustch Deute Museum Mödlareuth umfasst den ganzen Ort. Die Amerikaner nannten das Dörfchen, das sowohl auf thüringischem als auch auf bayerischem Gebiet liegt, "Little Berlin", denn seit 1966 teilte nach Berliner Vorbild eine 700 Meter lange und 3,40 Meter hohe Mauer das kleine Dörfchen. Mödlareuth ist schon seit 400 Jahren politisch ein geteilter Ort, doch auf den Dorfalltag hatte dies keine Auswirkungen. Die Trennlinie, der nur einen großen Schritt breite Tannbach, stellte kein Hindernis dar. Die Mödlareuther gingen gemeinsam im thüringischen Teil zur Schule, trafen sich dort in der Gastwirtschaft zum Feierabendbier, sangen in einem Gesangverein und machten sich sonntags gemeinsam auf den Weg zur Kirche ins drei Kilometer entfernte bayerische Töpen.
Bis zum Mai 1952 durften sich die Mödlareuther aus Ost und West noch über den Tannbach hinweg unterhalten; dann kamen Stacheldraht, Bretterzaun und Todesstreifen. Schon im Juni standen die ersten Zwangsevakuierungen an. Vier Familien sollten den Ostteil verlassen. Den Bewohnern der Oberen Mühle gelang in letzter Minute durch beherzte Sprünge aus Stallfenstern und vom Heuboden noch die Flucht in den Westen, als das Räumkommando schon an der Haustür klingelte.
Zwangsumsiedlungen und Fluchten ließen die Einwohnerzahl des größeren Ostteils von 71 auf heute nur noch 33 Einwoher schrumpfen. Im Westteil leben heute noch 19 Menschen. Politisch sind die Mödlareuther Ost (Ortsteil von Gefell) und West (Ortsteil von Töpen) heute noch immer geteilt, aber ein Stück weit auch geeint: Gewählt wird Schwarz. Im Osten gewinnt die CDU und im Westen die CSU.
von Matthias Mayer

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