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Landkreis Die Allmacht der SED
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11:07 15.10.2009
Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker war das wohl prominenteste SED-Mitglied der DDR.
Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker war das wohl prominenteste SED-Mitglied der DDR. Quelle: Archiv
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Marburg. Der Führungsanspruch der Partei wird in Artikel 1 der DDR-Verfassung von 1968 festgeschrieben: "Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land, die gemeinsam unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei den Sozialismus verwirklichen."

Und dieser Führungsanspruch wurde konsequent umgesetzt. Er reichte von der im Politbüro des ZK der SED versammelten Partei-Führungsriege bis in die kleinsten Genossenschaften, Volkseigene Betriebe, Behörden und kommunale und staatliche Verwaltungen. In diesen Unternehmen bestimmten die Parteigruppen den Kurs mit. Getreu der Losung "Wo ein Genosse ist, das ist auch die Partei" standen die Betriebsleitungen ausdrücklich unter dem Kontrollrecht der SED-Mitglieder.Ortsvereine und Stadtverbände, wie es das bundesdeutsche Parteiensystem kennt, gab es nicht. Das Parteileben fand in den Betrieben statt und - für Rentner und Hausfrauen - in den SED-Wohngebietsgruppen. Auf Kreisebene stand formal die ehrenamtliche Kreisleitung an der Spitze der Partei, die eigentlichen Geschäfte führten jedoch das Sekretariat der Kreisleitung mit seinen hauptamtlichen Mitarbeitern. An deren Spitze stand der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung. Ihm standen der 2. Kreissekretär, die Sekretäre für Wirtschaft, Landwirtschaft, Agitation und Propaganda und der Vorsitzende der Kreisparteikontrollkommission zur Seite. Meist gehörten in der Deutschen Demokratischen Republik auch der Vorsitzende des Rates des Kreises (vergleichbar mit dem Landrat) beziehungsweise der Vorsitzende des Rates der Stadt (vergleichbar mit dem Bürgermeister) dem mächtigen Gremium an. Das Sekretariat, das in gleicher Struktur auch in den 15 DDR-Bezirken bestand, besaß die Entscheidungsgewalt in allen Personalfragen und bestimmte zudem den Kurs der kommunalen Regierungen wesentlich mit, auch wenn es offiziell nur Empfehlungen geben durfte.Wie weit Macht, Einfluss und Verantwortung eines 1. SED-Kreissekretärs reichten, hat der Suhler Schriftsteller und Journalist Landolf Scherzer in seinem 1988 in der DDR erschienen Buch "Der Erste" beschrieben. Held des Buches ist Hans-Dieter Fritschler - kurz HDF genannt.

HDF war 1. Sekretär der SED im an der hessisch-thüringischen Grenze gelegenen Landkreis Bad Salzungen. Ihn durfte Scherzer nach einem langwierigen Genehmigungsverfahren vier Wochen lang im Arbeitsalltag begleiten. Ergebnis seiner bemerkenswert offenen Langzeit-Dokumentation: "Der Erste" war in seinem Landkreis praktisch für alles zuständig: Von der Einsatzleitung im Verteidigungsfall und der Moral der Grenztruppen über den kommunalen Wohnungsbau, die Planerfüllung in einem Kaltwalzwerk über die Bier- und Schnapsversorgung, die Sanierung eines maroden Kindergartens über die Arbeitsbedingungen in einer verrotteten Glashütte und die ausufernde "Dreckecke" in einer LPG bis hin zu den Öffnungszeiten eines kleinen Kiosks in einem Wohngebiet. Ein gelernter Waldarbeiter als Chefökonom, Militärstratege, Baudezernent, Arbeitsschutzbeauftragter, Personalchef, Getränkelieferant, Motivator und Sozialarbeiter - HDF und seine Kollegen in den Kreisen und Bezirken mussten an ihrer Herkulesaufgabe scheitern und mit ihnen das von ihrer Partei gewollte System. Die rund 150 Mitglieder des SED-Zentralkomitees (ZK) standen in der politischen Rangfolge über den DDR-Ministern und alle Mitglieder des ZK-Sekretariats waren gegenüber der DDR-Regierung weisungsbefugt. Ideologie vor Sachverstand, Planwirtschaft vor Wettbewerb, Parteidiktatur vor freier Meinungsäußerung, Unterdrückung statt freier Persönlichkeitsentwicklung, Umweltzerstörung statt Umweltschutz - das erbärmliche Ergebnis der der SED-Politik war im DDR-Alltag nicht zu übersehen.Die Konsequenzen ihres Tuns mussten die Greise des allmächtigen SED-Politbüros hinter den hohen Mauern ihrer Wandlitzer Wohnsiedlung nicht fürchten. Schließlich hatte die SED die für einen Rechtsstaat charakteristische Gewaltenteilung verhindert. Die SED kontrollierte die Volkskammer, die Justiz, Armee und Polizei sowie die Medien. Allein die 17 Milllionen Bürger des Arbeiter- und Bauernstaats konnten der Partei gefährlich werden, und diese Gefahr nahm die SED äußerst ernst. Sie setzten ihren parteieigenen Sicherheitsdienst mit 91?000 hauptamtlichen Stasi-Offizieren und 110?000 nebenamtlichen Spitzeln auf das eigene Volk an. Das funktionierte - bis zum Herbst 1989.

von Matthias Mayer