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13:03 22.10.2009
Der Eisenacher "Sommergewinn" wird jedes Jahr mit großem Festumzug im Frühjahr gefeiert.
Der Eisenacher "Sommergewinn" wird jedes Jahr mit großem Festumzug im Frühjahr gefeiert. Quelle: Archivfoto
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Eisenach. 1989 befanden sich selbst die besterhaltenen Altbauten der Stadt in einem Zustand, den Makler mit „stark renovierungsbedürftig“ bezeichnen würden. Der Rest war in der Grauzone zwischen unzumutbaren Wohnverhältnissen und Baufälligkeit angesiedelt. Wer konnte, bemühte sich um eine Plattenbauwohnung im Neubauviertel Eisenach Nord nahe der Autobahn 4.

Heute erstrahlen alte Bürgerhäuser im Zentrum, die stolzen Villen im Südviertel und die vielen Baudenkmäler der Stadt im neuen Glanz. Eisenach präsentiert sich dem Besucher als außergewöhnlich schöne, lebensfrohe Stadt. „Das ist ein Märchen, was in den 20 Jahren passiert ist. Eisenach hat sich fantastisch entwickelt und sicherlich manche Stadt im Westen überholt“, schwärmt Klaus Wuggazer. Der gebürtige Franke hat als Redakteur, Redaktionsleiter und Pressesprecher der Stadt fast die komplette Nachwendezeit in Eisenach journalistisch begleitet. Als Kontrast zum prächtigen Ist-Zustand zeigt die Stadtverwaltung derzeit in ihrem Hauptgebäude, Am Markt 2, eine Fotoausstellung mit dem beziehungsreichen Titel „Grau in Grau“, die das Eisenacher Stadtbild von 1989 dokumentiert. „In der Stadt sah es aus wie nach dem Krieg“, sagt Wuggazer und empfiehlt den Besuch besonders den noch immer zahlreichen DDR-Ostalgikern: „Wer da rein geht, ist geheilt.

Hinter den schmucken Fassaden leben heute vergleichsweise gut situierte Bürger. Das Verfügbare Haushaltseinkommen der Eisenacher hat sich zwischen 1991 und 2007 nahezu verdoppelt. Auch in bundesweiten Rankings liegen die Eisenacher in Sachen Kaufkraft ziemlich weit vorn. Und dies, obwohl ihre Stadt in diesem Zeitraum ihre beiden größten Arbeitgeber verloren hat: Die Automobil-Werke Eisenach (AWE), die zu DDR-Zeiten den „Wartburg“ herstellten und Fahrzeug-Elektrik Ruhla (FER), wo unter anderem die Scheinwerfer für verschiedene Autotypen gefertigt wurden.
Nach dem Zusammenbruch der beiden Riesen – bei AWE arbeiteten bis zu 12 000 Menschen – ist Eisenach eine Autostadt geblieben. Opel baute ein neues Werk in Stedtfeld vor den Toren der Stadt, Der wichtige Autozulieferer Bosch ließ sich in Eisenach nieder, und BMW errichtete im Dörfchen Krauthausen in Sichtweite des alten Eisenacher Autobahn-Grenzübergangs eine Fabrik zum Bau von Fertigungsautomaten für die Autoindustrie. Im Windschatten der drei Großen etablierte sich eine handvoll mittelständischer Autozulieferer in Eisenach, deren Hightech-Produkte längst nicht mehr nur im Opel-Werk verbaut werden.

So entstanden außerhalb des Opel-Werks 6?500 neue Arbeitsplätze mit enormer Wertschöpfung für die Region. „In der bei uns dominierenden Metallbrache gibt es eine hohe Tarifbindung und ein gutes Lohngefüge“, nennt Wuggazer den wichtigsten Grund für den Wohlstand in der Stadt. Der wurde selbst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht entscheidend angetastet, auch wenn die Arbeitslosenquote in der Stadt auf 12 Prozent stieg und damit inzwischen über der des Umlandes (knapp unter 10 Prozent) liegt.
Der Wahl-Eisenacher bekennt allerdings, dass die Opel-Krise mit den Gerüchten um die bevorstehende Werksschließung in Eisenach die Region beunruhigt hat. Aber selbst der Katastrophentourismus der Medien, die alle Opel-Werkstore umlagerten, habe das Selbstbewusstsein der hoch qualifizierten Eisenacher Autobauer nicht erschüttern können: „Wir werden hier auch in 50 Jahren noch Autos bauen“, sei überall zu hören gewesen.
Neben der Autoindustrie ist der Tourismus das zweite Standbein des Eisenacher Wirtschaftslebens. Auch hier gibt es rasante Zuwächse. „Wenn ein Ort siebenmal mehr Übernachtungen im Jahr als Einwohner hat, darf er Kurtaxe erheben. Diese magische Grenze haben wir jetzt erreicht“, berichtet Wuggazer. Der befürchtete Einbruch nach dem Elisabeth-Jahr sei ausge­blieben.

Der Run auf die 43 300 Einwohner zählende Stadt kann nicht verwundern, hat sie doch weitaus mehr zu bieten, als ein vorbildlich restauriertes städtebauliches Ensemble. 200 Höhenmeter über der Stadt thront die Wartburg. Das Unesco-Weltkulturerbe gilt in Deutschland als die Burg unter allen Burgen. Auch geschichtlich ist sie bedeutsam. Die heilige Elisabeth, eine ungarische Königstochter, kam bereits als Vierjährige auf die Burg, in deren Gemäuer später Martin Luther das Neue Testament übersetzte. 1817 demonstrierten dort beim Wartburgfest 500 Studenten unter den Farben Schwarz-Rot-Gold für die Überwindung der Kleinstaaterei. Und schließlich wurde dort 1988 die Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach besiegelt.

von Matthias Mayer

Umfassende Informationen über Eisenach gibt es unter www.eisenach.de

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