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Landkreis 1379 Kilometer Stahl schirmten DDR ab
Landkreis 1379 Kilometer Stahl schirmten DDR ab
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10:52 15.10.2009
Ein Blick auf den ehemaligen Grenzzaun an der hessisch-thüringischen Grenze zur DDR.
Ein Blick auf den ehemaligen Grenzzaun an der hessisch-thüringischen Grenze zur DDR. Quelle: Matthias Mayer
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Marburg. Die Staatspartei SED stoppte den Massenexodus mit deutscher Gründlichkeit. Sie baute Grenzsperranlagen, die zuletzt so undurchlässig waren wie Gefängnismauern. Was anfangs nur eine von wenigen Grenzsteinen markierte Linie war, wuchs zwischen 1952 und 1989 zum größten Bauwerk, das es je auf europäischem Boden gegeben hat: 1 378 Kilometer lang, fünf Kilometer breit, gesichert durch 1 265 Kilometer Metallgitterzaun, 101 Kilometer doppelter Stacheldrahtzaun, 31,3 Kilometer Betonmauer (außer Berlin), 839,3 Kilometer Kfz-Sperrgräben, 820 Wachtürme, 900 Erdbunker, 292,5 Kilometer Minenfelder und 393 Kilometer Selbstschussanlagen (bis 1983), 119,4 Kilometer Hundelaufanlagen und 271 Kilometer Lichttrassen. Zusätzlich umgaben 112,6 Kilometer Mauer und 55 Kilometer Metallgitterzaun Westberlin.

Selbst aus dem Weltall war die innerdeutsche Grenze von den Astronauten mit bloßem Auge zu erkennen - als einziges Bauwerk der Welt neben der Chinesischen Mauer.Über die gesamten Herstellungskosten gibt es keine genauen Angaben; sicher ist, dass der Bau mehrere Milliarden Mark verschlang. Allein die Unterhaltung der Grenzanlagen belastete die malade DDR-Volkswirtschaft jährlich mit 50 Millionen Mark - ohne die Kosten für die 30 000 Soldaten der DDR-Grenztruppen und die an der Grenze eingesetzten Stasi-Offiziere, Volkspolizisten und Zollbeamten. Allein für die Besoldung, Verpflegung und Ausrüstung der Grenztruppen gab die DDR im Haushaltsjahr 1988 2,21 Milliarden Mark aus.

In der DDR-Propaganda hieß das monströse Bauwerk "Antifaschistischer Schutzwall". Seine offizielle Aufgabe: Schutz der DDR-Bürger vor Übergriffen durch faschistische Imperialisten aus dem Westen. Aus dem Aufbau der Grenzbefestigungen wird indes ersichtlich, dass die DDR-Führung das eigene Volk mehr fürchtete, als Angriffe auf die Grenze aus der Bundesrepublik. Signalzäune, Kfz-Sperrgräben, Minenfelder, Selbstschussanlagen vom Typ SM-70 und Todesstreifen befanden sich grundsätzlich "freundwärts" des eigentlichen Grenzzauns, also nicht auf der Seite zur Bundesrepublik.

Die tatsächlichen Verhältnisse an der Grenzlinie blieben den normalen DDR-Bürgern verborgen, denn fünf Kilometer vor dem ausgeklügelten Grenzsystem begann das Sperrgebiet, das nur mit Passierschein betreten werden durfte. Die meisten verhinderten DDR-Flüchtlinge erreichten noch nicht einmal den Schlagbaum zum Sperrgebiet. Sie wurden schon zuvor von der Transportpolizei gestoppt, die in allen Zügen und Bussen mit Fahrtzielen im Westen des Landes kontrollierte. Wer keine plausible Erklärung für seine Reise in grenznahe Städte wie Eisenach oder Meinin­gen geben konnte, oder Schulzeugnis und Gesellenbrief im Gepäck hatte, landete als Republikflüchtling für zwei Jahre im Gefängnis. Im Sperrgebiet ließ das Überwachungssystem die ständig von Zwangsaussiedlung bedrohten Bewohner in einem permanenten Ausnahmezustand leben. Sie versuchten, den Verbleib in ihrer Heimat mit Wohlverhalten gegenüber dem Grenzregime zu erkaufen. Und so hielten sich viele Bewohner der grenznahen Orte an die Auflage, verdächtige Passanten den "staatlichen Organen" sofort zu melden. Und verdächtig war im rund um die Uhr bewachten Sperrgebiet, wo manche Bürger nicht einmal ihre Häuser abschlossen, jeder Fremde.

Wer den Schlagbaum zum Sperrgebiet umgangen hatte, musste versuchen, unbemerkt bis an die Grenze vorzudringen. Dabei war Ortsfremden die Orientierung nahezu unmöglich, denn die DDR-Landkarten zeigten weder Ortschaften noch Straßen und Wege im Grenzgebiet. Nicht wenige Flüchtlinge wähnten sich nach Überwinden des ersten Zauns schon im Westen. Ein fataler Trugschluss, denn 500 Meter im Landesinneren sicherte der sogenannte Schutzstreifen-Zaun das eigentliche Grenzgebiet gegenüber dem DDR-Hinterland ab. Wer an diesem Metallgitterzaun einen der Kontaktdrähte berührte, löste auf den Wachtürmen stillen Grenzalarm aus und rief die Soldaten der zuständigen Grenzkompanie auf den Plan, die ausrückten, um den "Grenzverletzer" festzunehmen oder - wie es in der täglichen Vergatterung der Grenzposten hieß - notfalls mit der Waffe zu vernichten. Trotz der bekannten Gefahren für Leib und Leben haben vermutlich mehrere Hunderttausend DDR-Bürger die Flucht über die innerdeutsche Grenze versucht. Die Zahl der gescheiterten Fluchtversuche wurde nicht erfasst. Seit 1961, als die DDR-Führung mit dem Bau der Berliner Mauer das letzte Schlupfloch stopfte, ist 40 101 Menschen die Flucht über die innerdeutsche Grenze geglückt. 1 008 bezahlten ihren Wunsch, die DDR zu verlassen, mit ihrem Leben. Die Grenztoten waren zwischen einem und 86 Jahre alt. Das letzte Todesopfer wurde am 30. Oktober 1989 gefunden. Dietmar Prommer starb zehn Tage vor der Grenzöffnung.
Inzwischen ist über der Grenze buchstäblich Gras gewachsen. Die Natur eroberte sich die breiten Grenzschneisen zurück. Seltene Tier- und Pflanzenarten besiedeln den ehemaligen Todesstreifen, dessen Verlauf sich selbst aus der Flugzeugperspektive nur noch schwer erkennen lässt. Die Grenze aus Schwedenstahl und Beton ist heute ein Biotop - ein besseres Happy End für ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte hätte selbst Hollywood nicht einfallen können.
Literatur zum Thema
Klaus Hartwig Stoll: Das war die Grenze; Verlag Parzeller.
Jürgen Ritter und Peter Joachim Lapp: Die Grenze - Ein deutsches Bauwerk; Ch. Links.
Gerd Schätzlein, Reinhold Albert, Hans-Jürgen Salier: Grenzerfahrungen, Band I bis III; Verlag Frankenschwelle.
Dietmar Schultke: Keiner kommt durch - Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer; Aufbau-Verlag.

von Matthias Mayer