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Hinterland Zukunftsangst: Azubis fürchten um Jobs
Landkreis Hinterland Zukunftsangst: Azubis fürchten um Jobs
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11:08 24.07.2012
Handschuhe an und auf in den OP: Eine Auszubildende zur „Operationstechnischen Assistentin“ bereitet sich auf ihren Job vor. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert    Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert
Marburg

Immer wieder ist die Rede von Pflegemangel am Uniklinikum. Selbst die Geschäftsführung beklagt dieses Problem. So bestätigte Kliniksprecher Frank Steibli konkret den Personalnotstand sowohl auf der chirurgischen Intensivstation wie auf der Neurologie. Trotz Stellenausschreibungen finde man derzeit kein geeignetes Personal, sagte Steibli im OP-Interview Anfang Juni. Folge: Ein Intensiv-Zimmer mit vier Betten musste geschlossen werden.

Da kommen die Azubis doch eigentlich wie gerufen, will man meinen. Aktuell stehen die Abschlussarbeiten an. 40 der insgesamt 50 jungen Auszubildenden möchten im Anschluss weiter am UKGM arbeiten, haben ihre Bewerbungen an die Personalabteilung geschickt. Dazu kommen noch elf Krankenpflegehelfer und sechs operationstechnische Assistenten, die von der DRK-Schwesternschaft am UKGM ausgebildet werden.

Björn Borgmann, Vorsitzender der Gesamt-Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) beider Standorte des UKGM, und Peter Ducke, Vorsitzender der JAV am Standort Marburg, kritisieren jedoch das mangelnde Werben um die Nachwuchskräfte. Sie berufen sich auf den Tarifvertrag, der 2011 mit der Geschäftsführung ausgehandelt wurde. Danach stünde allen Azubis eine Übernahmegarantie zu - sofern nicht betriebsbedingte Gründe dagegen sprächen, erklärt Borgmann.

Auf diese Ausnahme jedoch berufe sich das Management in Gesprächen mit der JAV. Laut Sollstellenplan - also den Planstellen für Personal auf den einzelnen Stationen - gebe es nicht genügend Ressourcen, um allen Azubis einen Posten anzubieten. „Das ist katastrophal“, sagt Borgmann. „Das Zustandekommen dieses Plans ist nicht nachvollziehbar. Es werden Rufbereitschaftsdienste und Überstunden in Stellen umgerechnet. So kann man doch nicht nachhaltig arbeiten - und deshalb den Azubis eine Stelle verwehren!“.

Die Art und Weise, wie mit den Auszubildenden umgegangen werde, stört die beiden Vertreter gewaltig. Erst hätten die Azubis einen Brief bekommen, in dem sie gefragt wurden, ob und - wenn ja - an welchem Standort sie übernommen werden möchten. „Auf einer Infoveranstaltung im März wurde allen gesagt, dass sie übernommen werden“, erzählt Ducke.

Das schaffte Erleichterung. Für den Moment. In Ruhe wollten sich die angehenden Pfleger und Schwestern auf die Abschlussarbeit vorbereiten. Bis kurze Zeit später ein zweiter Brief ins Haus flatterte. Absender: Personalabteilung. Die Nachwuchskräfte wurden auf das Ende ihrer Verträge hingewiesen. Da war keine Rede mehr von Weiterbeschäftigung. „Was denn nun? Übernahme oder Vertragsende? Niemand weiß mehr, woran er ist. Das ist die maximale Unsicherheit“, schimpft Borgmann.

Mittlerweile habe es erste Gespräche mit den jungen Pflegekräften gegeben. Die Verunsicherung aber bleibt. „Den Azubis wurden zum Teil 25-Prozent-Stellen angeboten. Das nimmt doch kein 20-Jähriger an, der die ganze Zukunft noch vor sich hat“, sagt Borgmann. Auch im von Steibli als unterbesetzt bezeichneten Intensivbereich würden den Kandidaten zum Teil nur halbe Stellen angeboten. „So schafft man sicher kein Vertrauen“, ergänzt Peter Ducke.

Und so heiße es auf den Lahnbergen: Konkurrenzkampf statt Zukunftsperspektive. Sowohl Voll- oder Teilzeit als auch Dauer der Verträge sind ebenso unklar wie die Fragen nach den Bewerbern, die auf der Strecke bleiben. „So ein Vorgehen löst nur Neid und Missgunst unter den Kandidaten aus“, kritisiert Peter Ducke.

Dass es auch anders funktioniere, zeige der vorherige Jahrgang. Bei keinem Azubi, der in Marburg bleiben wollte, habe es Probleme gegeben, sagt er.

„Je länger die Unsicherheit besteht, umso mehr schauen sich die Bewerber nach Alternativen um. Es kann doch nicht Ziel sein, für die Straße auszubilden“, sagt Borgmann. „Es ist doch eigentlich eine gute Werbung für das UKGM, dass trotz aller Diskussionen so viele Azubis bleiben wollen.“

Wie reagiert das Klinikum auf die Vorwürfe? Sprecher Frank Steibli: „Eine tarifliche Garantie zur Übernahme besteht nicht, aber unser Unternehmen versucht, jedem Auszubildenden nach Beendigung seiner Ausbildung im Haus, sprich in Marburg und Gießen oder im Verbund der Rhön-Klinikum AG, einen Arbeitsplatz anzubieten. Das ist auch in diesem Jahr so.“

Eine Aussage, die für Georg Schulze-Ziehaus von Verdi doch sehr überraschend kommt. Der Landesbezirksfachbereichsleiter zitiert aus der Übernahmeregelung des Manteltarifvertrags vom 4. April 2011. Darin heißt es: „Die Tarifvertragsparteien gehen davon aus, dass alle Gesundheits-, Kranken- und Kinderkrankenpflegeschüler sowie OTA in unmittelbarem Anschluss an ihre Ausbildung in ein Arbeitsverhältnis übernommen werden können, sofern keine personenbedingte, verhaltensbedingte, betriebsbedingte oder gesetzliche Gründe entgegen stehen.“

Damit hätten die Tarifvertragsparteien deutlich gemacht, dass die Übernahme von Azubis in den Pflegeberufen im UKGM der Regelfall sei, von dem nur aus einem der vier explizit genannten Gründen abgewichen werden könne. „Ich erwarte, dass sich das UKGM weiterhin tariftreu verhält. Sollte ein Auszubildender kein Übernahmeangebot erhalten, sind gegenüber Betriebsrat und Betroffenen die Gründe darzulegen und im Zweifel zu beweisen.“

Den Briefwechsel, der laut JAV große Verwirrung gestiftet habe, erklärt Steibli so: „Alle Schüler erhalten vier Monate vor Beendigung ihrer Ausbildung eine schriftliche Anfrage, ob sie eine Übernahme wünschen. In der Folgezeit werden die Bewerbungen bearbeitet. Dies setzt aber voraus, dass die Auszubildenden ihr Interesse an einer Weiterbeschäftigung bekunden.“

Der zweite Brief sei rein formeller Natur, der die vertraglichen Bedingungen, unabhängig der Weiterbeschäftigung, anzeige. Dieses Vorgehen begründet das UKGM damit, dass es rechtlich zwei verschiedene Verträge seien, die das UKGM anbietet und abschließt: Zunächst den Ausbildungsvertrag, der zu einem fixen Datum endet, und dann gegebenenfalls den Arbeitsvertrag, der am Ende eines Bewerbungsvorgangs steht.

Für die DRK-Schwesternschaft stellt sich die Frage der Übernahme überhaupt nicht. Die Azubis, vorausgesetzt sie bestehen die Examensprüfung und möchten weiter für das DRK arbeiten, bekommen definitiv eine Stelle angeboten. „Zugegeben, bei uns ist das auch etwas einfacher, weil wir in Nischen ausbilden“, sagt Gabriele Müller-Stutzer, Vorstand des Marburger Vereins. Genauer: Bei der Schwesternschaft werden Krankenpflegehelfer (KPV) und operationstechnische Assistenten (OTA) ausgebildet. „Wer keine Möglichkeit im Klinikum findet, örtlich flexibel ist, dem können wir bundesweit definitiv eine Einsatzmöglichkeit anbieten.“ Und das in Vollzeit. „25 Prozent-Stellen sind nicht der Rede wert. Wir geben uns alle Mühe, um für unsere Azubis ortsnah eine Lösung zu finden.“

von Carsten Bergmann