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Hinterland "Verkauft und im Stich gelassen"
Landkreis Hinterland "Verkauft und im Stich gelassen"
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06:16 06.08.2012
Unerreichbar: Eine pflegebedürftige Person wartet vergeblich auf jemanden, der ihr die Nahrung in der Schnabeltasse reicht. Foto: Nadine Weigel Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Im OP-Interview Anfang der Woche berichtete eine Pflegekraft von den Zuständen im Klinikum. Von Pflegern und Schwestern, die überlastet sind und weinend auf dem Flur zusammenbrechen. Von Patienten, die nicht ausreichend versorgt werden können. Von Auszubildenden, die nicht richtig angelernt werden und nach kürzester Zeit wichtige Entscheidungen treffen müssen. Zustände, die eine zweite Pflegekraft aus einem anderen Klinikbereich auch für ihre Station größtenteils bestätigen kann. „Es ist reiner Zufall, dass bisher noch nichts Schlimmeres passiert ist“, sagt sie. Lange Jahre arbeitet die Pflegekraft bereits am Uniklinikum. Versuche, auf die Missstände aufmerksam zu machen, gab es viele. „Ich habe keine Lösungen beobachten können.“

Die Pflegekraft will sich jetzt nicht weiter dieser Verantwortung gegenüber den Patienten stellen. An Veränderungen glaube ohnehin niemand mehr am UKGM. „Die Glaubwürdigkeit der Geschäftsführung ist komplett verloren gegangen. Verunsicherung, ja geradezu Angst herrscht in der Klinik“, erklärt sie. Dabei habe es auch Zeiten gegeben, in denen es ganz anders lief. Viel besser. „Die Pflegeteams standen füreinander ein. Bedingungslos. Wie eine verschworene Gemeinschaft“, schildert die Pflegekraft gegenüber der OP. Ausläufer dieser Loyalität untereinander seien es, die sie noch weiter am Klinikum halte: „Wir machen das alles ja auch aus Überzeugung. Daher kann ich diese negative Entwicklung überhaupt nicht glauben. Was bislang nach außen drang, war eher unter- denn übertrieben.“

Es gibt Verbesseurngsvorschläge

Damals, vor der Privatisierung im Jahr 2006, seien die Anforderungen auch schon hoch gewesen. „Wir sind ja schließlich ein Universitätsklinikum, da darf man so etwas erwarten“, erklärt die Pflegekraft. Was seither aber personell auf den Stationen passierte, sei nicht mehr mit gesundem Menschenverstand zu vereinbaren.

Dabei, so sagt die Pflegekraft, seien Alternativen durchaus vorhanden. Konzepte, wie das Personal optimaler eingesetzt werden könnte, seien von Arbeitsgruppen erarbeitet worden. Die Ansage von der Geschäftsführung aber laute: Solche Entscheidungen müssen an oberster Stelle getroffen werden. „Wenn sich Geschäftsführer in diese komplizierte Thematik erst einarbeiten müssen, dann dauert das eine lange Zeit. Die haben wir nicht. Das Ende vom Lied: Es gibt keine Entscheidung“, so die Pflegekraft. Eher wechsele (wieder einmal) die Geschäftsführung.

Ein weiteres Beispiel, das die Pflegekraft nennt, sind Stellen-Neubesetzungen. „Früher gab es einen zuständigen Bereich im Personalwesen. Da wurde geschaut, wo Stellen neu besetzt werden müssen, wer von den Bewerbern auf diese Stelle am besten passt, und in kürzester Zeit gab es Entscheidungen.“ Heute, so erzählt die Pflegekraft, müsste auch das alles über den Tisch des UKGM-Chefs laufen. „Das führt zu unnötigen Verzögerungen. Die Auswirkungen sind von der Geschäftsführung gar nicht abzusehen“, lautet ihr Vorwurf.

Der Pflegekraft sind Folgen dagegen schon klar: „Die Arbeitsverdichtung nimmt zu, der Stress wächst, irgendwann können die Menschen nicht mehr. Marburg ist ans Limit gefahren worden.“

Und das nach Aussage der Pflegekraft nicht nur intern. Das Krankenhaus kämpfe mittlerweile auch mit einem schlechten Ruf. Den Bürgern, Angehörigen und Patienten sei die Entwicklung der vergangenen Wochen und Monaten nicht verborgen geblieben. „Was die Geschäftsführung betreibt, ist reine Anti-Werbung. Die Probleme sind größtenteils hausgemacht. Aber ganz ehrlich“, sagt die Pflegekraft, „kaum jemand hat die Hoffnung, dass es wieder besser wird - egal unter welchem Konzern. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen.“

Sie kann nicht gehen - schon wegen der Patienten

Ans Aufgeben hat die Pflegekraft zwar gedacht - es blieb aber bei dem Gedankenspiel: „Wenn dieser Zusammenhalt nicht da wäre, die Patienten nicht versorgt werden müssten, dann wäre ich schon längst weg.“ Und sie ist wahrscheinlich nicht die einzige. Zumal sich viele Mitarbeiter von der Politik alleingelassen fühlen. „Das Land macht keinen Hehl daraus, dass ein Rückkauf unbezahlbar ist. Daher ist das Ganze für mich nur ein Wahlkampf-Geplänkel der Opposition. Die steht ja aktuell nicht in der Verantwortung“, so die Pflegekraft. Auswege zeige den Betroffenen niemand auf.

Durchhalteparolen aber helfen den Schwestern und Pflegern wenig: „Was Mut macht, ist die Unterstützung und die Solidarität in Marburg. Die Kirche hat sich eingeschaltet, die Menschen zeigen, dass sie die Sparpläne nicht hinnehmen möchten. Das hilft“, erklärt die Pflegekraft, die sich verkauft und im Stich gelassen fühlt.

Es werde jetzt höchste Zeit, dass ein Ruck durch alle Gesellschaftsbereiche gehe. Denn: „Von sicherer Patientenversorgung kann momentan nicht mehr die Rede sein. Dabei ist die Überwachung des Patienten sein größter Schutzschirm“, erklärt die Pflegekraft. Wenn zum Beispiel Nebenwirkungen von Medikamenten auftreten, könne sie nicht garantieren, dass der Patient schnell und umsichtig versorgt werde: „Wie gesagt, es ist reiner Zufall, dass bei mir auf der Station noch nichts passiert ist.“

Per E-Mail meldete sich gestern eine weitere examinierte Pflegekraft, die seit vielen Jahren im Marburger Uniklinikum tätig ist. Auch sie bestätigt die Vorwürfe der Kollegen, prangert den zunehmenden Druck und das hohe Arbeitspensum an. „Jahrelanges Arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb hinterlässt Spuren“, schreibt die Pflegekraft: „Der zunehmende Druck und das eigene schlechte Gewissen, wenn man sich nicht so um die Patienten kümmern kann, wie man eigentlich möchte, führen zu Resignation, Ohnmacht und eigener Krankheit.“ Kranke Kollegen könne aber niemand gebrauchen. Das gehe so weit, dass man bereits bei Dienstantritt überlege: „Was kann ich heute liegen lassen? Denn schaffen werde ich meine Arbeit nicht, das ist von Anfang an klar.“

von Carsten Bergmannund Katharina Kaufmann

Reaktion von Prof. Dr. Jochen Werner, stellvertretender Ärztlicher Geschäftsführer  Ärztlicher Direktor Marburg

Thorsten Richter Quelle: Thorsten Richter

Vor über einem Jahr hat die im Amt befindliche Geschäftsführung in einer Mitarbeiterversammlung um eine offene Kommunikation, um Transparenz und einen fairen Umgang miteinander gebeten. Diverse, damals bereits implementierte Systeme für Überlastungen, Fehlerquellen etc. wurden den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unseres Uniklinikums explizit vorgestellt. Zwischenzeitlich eingegangene Überlastungsanzeigen hatten intensive Gespräche unter Einbeziehung der Arbeitnehmervertretungen zur Folge.

Selbstverständlich wurden auch Stellen geschaffen, wo Engpässe ausgeglichen werden mussten, die sich durch organisatorische Umstrukturierungen nicht beseitigen ließen. Nicht immer standen jedoch qualifizierte BewerberInnen zur Besetzung dieser Stellen zur sofortigen Verfügung. Es gab Situationen, wo BewerberInnen kurz vor ihrer Unterschrift absagten, nachdem sie die öffentliche Diskussion und Darstellung unseres Klinikums verfolgten.

Ich halte es demzufolge unverändert für außerordentlich bedauerlich, dass auf anonyme Art und Weise der unermüdliche Einsatz all der Kolleginnen und Kollegen am UKGM diskreditiert wird, die jeden Tag für die Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten sorgen. Wir haben heute mehr Pflegekräfte am UKGM als vor der Privatisierung. Dies wird leider nicht zur Kenntnis genommen, stattdessen werden vage Vorwürfe aus dem Schutz der Anonymität in die Öffentlichkeit gebracht. Diese Vorwürfe können im Einzelfall leider nicht konkret geprüft werden, weil sie derart pauschal sind, dass eine Aufarbeitung oder Prüfung des exakten Vorganges unmöglich ist. Dies scheint jedoch gewollt zu sein.

Transparenz und Diskussion ist nicht nur sehr wichtig, sie ist auch beabsichtigt, sie darf aber nicht so weit gehen, dass Mitarbeiter und Patienten aus der Anonymität heraus verunsichert werden. Anonyme Vorwürfe weise ich nach wie vor entschieden zurück, auch im Namen und zum Schutz der Kolleginnen und Kollegen. Ich fordere stattdessen die anonym sprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des UKGM zu einem persönlichen Gedankenaustausch auf, gerne in Anwesenheit der Arbeitnehmervertretung und sage absolute Vertraulichkeit zu. Man macht es sich zu einfach, die Anonymität mit Angst vor negativen Konsequenzen zu begründen.

Für persönliche Gespräche stehe ich zur Verfügung.

Prof. Dr. Jochen Werner,  stellvertretender Ärztlicher Geschäftsführer & Ärztlicher Direktor Marburg

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