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Hinterland OP-Exklusiv: Schwere Vorwürfe gegen Rhön-Klinik AG
Landkreis Hinterland OP-Exklusiv: Schwere Vorwürfe gegen Rhön-Klinik AG
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06:15 28.05.2012
Marburg

Die Hildesheimer Klinik gehört zum Netz der Rhön-Klinikum AG, wurde bis Ende des vergangenen Jahres vom heutigen UKGM-Geschäftsführer Martin Menger geleitet. Bergter übernahm eine Stelle im Februar 2012 und hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim gestellt.

OP: Sie haben Anzeige gegen die Klinikum Hildesheim GmbH, die von der Rhön-Klinikum AG betrieben wird, gestellt. Warum?

Wolfgang Bergter:Die Klinikum Hildesheim GmbH gehört wie das UKGM zu den 53 Kliniken der Rhön-Klinikum AG. Ich habe daher sowohl das Klinikum Hildesheim als auch die Rhön-Klinikum AG angezeigt. Klinikum und Konzern haben meines Erachtens nicht nur ihre Sorgfaltspflicht gegenüber ihren Patienten vernachlässigt, sondern durch die Verträge mit dem behandelnden Arzt die Fehldiagnosen und daraus resultierende Fehlbehandlungen geradezu provoziert und offenbar ohne jegliche Qualitäts- oder Plausibilitätskontrolle gebilligt.

OP: Was war Ihrer Meinung nach die Folge dieses Vorgehens?

Bergter: Meines Erachtens resultierte daraus eine planmäßige, gemeinschaftliche Körperverletzung in möglicherweise Tausenden von Fällen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung. Ich selber habe vertretungsweise fünf Wochen in der Praxis und auf der Therapiestation am Klinikum in Hildesheim gearbeitet und konnte anhand der von mir untersuchten Patienten bzw. der liegengebliebenen Patientenakten sehen, dass in nahezu keinem Fall eine korrekte Diagnose gestellt wurde oder Behandlung erfolgte. Wenn ich diese geradezu kriminellen Vorgänge nicht angezeigt und öffentlich gemacht hätte, hätte ich meine Fürsorgepflicht gegenüber diesen Patienten verletzt.

Dr. Wolfgang Bergter

OP: Welche Patienten waren betroffen?

Bergter: Die Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen, die ich überblicken konnte, betrafen die Patienten der Schilddrüsensprechstunde. Denn zu diesen Patienten waren Akten angelegt worden, aus denen ich die Behandlungen eines Zeitraums von teilweise mehreren Jahren zurückverfolgen konnte. Dabei fiel mir auf, dass in der Regel die Diagnosen nicht mit den Untersuchungsergebnissen zusammenpassten. So wurden falsche Diagnosen gestellt, mit denen Schilddrüsenoperationen, Radiojodtherapien und Hormonbehandlungen gerechtfertigt wurden.

OP: Können Sie konkrete Beispiele beschreiben?

Bergter: Bei einem Großteil der Patienten wurde die Diagnose eines großen Kropfes (Struma Grad II) gestellt, obwohl ihre Schilddrüse normal groß oder sogar zu klein war. Diese Menschen, die zur OP oder Radiojodtherapie geschickt wurden, hatten seit der Behandlung keine ausreichende Schilddrüsenfunktion mehr und müssen nun ein Leben lang künstlich mit Schilddrüsenhormonen versorgt werden. Bei sehr vielen Patienten wurde auch fälschlich die Diagnose eines heißen Knotens („fokale Autonomie“) oder, wenn kein Knoten gefunden wurde, einer „disseminierten Autonomie“ gestellt. Eine Autonomie wurde aber in den meisten Fällen überhaupt nicht nachgewiesen. Aber mit dieser falschen Diagnose wurde eine große Zahl der Radiojodtherapien gerechtfertigt. Diese Behandlungen erfolgten oft sogar mehrfach, weil man den Patienten erklärte, dass immer noch Reste der Erkrankung übrig seien. Besonders tragisch empfand ich, dass die Diagnose einer Schilddrüsenautonomie sogar bei Minderjährigen gestellt wurde, obgleich die Autonomie bekanntlich eine Erkrankung der älteren Menschen ist. Auch diese jungen Menschen erhielten daraufhin eine Operation oder Radiojodtherapie und sind nun ein Leben lang abhängig von den lebenswichtigen Schilddrüsenhormonen und von regelmäßigen Kontrollen beim Arzt. Andere Patienten erhielten trotz gleicher Diagnose (fokale oder disseminierte Autonomie) sogar eine genau entgegengesetzte Behandlung. Denn obgleich beispielsweise fälschlich eine Autonomie, also eine Überfunktion der Schilddrüse diagnostiziert wurde, erhielten manche Patienten keine Operation oder Radiojodtherapie, sondern Schilddrüsenhormone. So wurde bei Menschen mit vermeintlicher Überfunktion künstlich eine Überfunktion erzeugt.

OP: Haben Sie auf die Fehldiagnosen/-behandlungen intern hingewiesen? Wurde Ihnen Beachtung geschenkt?

Bergter: Zunächst habe ich aufgrund des unglaublichen Ausmaßes von Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen nicht meinen Augen getraut. Ich habe dann einzelne Fälle einem Kollegen einer Universitätsklinik gezeigt, der meine Einschätzung teilte. Daraufhin habe ich die Assistenzärztin in der Praxis angesprochen, die sich im ersten Jahr ihrer Ausbildung befand und sich anfangs auch über die Diagnosen gewundert hatte, aber sich der Diktion anpassen musste. Als sie die Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen einsah, war sie erschüttert und weinte. Auch mit anderen Mitarbeitern habe ich über meine Beobachtungen gesprochen, um zu verstehen, was den Kollegen zu seinem Fehlverhalten getrieben haben könnte. Einige Mitarbeiter hatten sich ebenfalls über Diagnosen und Behandlungsmethoden gewundert. Von anderen habe ich gehört, dass bereits mehrere Mitarbeiter gekündigt hatten, weil sie die Vorgänge nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Dem Klinikum und dem Ärztlichen Direktor habe ich erst nach fünf Wochen meine Beobachtungen per E-Mail mitgeteilt, da meine Vertretungstätigkeit sonst sicher schon eher beendet worden wäre.

OP: Die Klinik weist die Vorwürfe von sich, sagt, sie hätte die Räume nur vermietet. Der verstorbene Arzt wäre verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft sieht keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Verfolgung gegen die Klinik. Wie bewerten Sie das?

Bergter: Die Klinik kann die Schuld nicht von sich weisen. Das ist doch kein Kleingartenverein. Sie haben zum Beispiel mit einer Haftpflichtversorgung für Arzt und Patienten eingestanden. Verbindungen gab es nachweislich.

OP: Haben Sie Erkenntnisse, ob diese Vorwürfe auch weitere Krankenhäuser betreffen?

Bergter: Ja, so schrieb mir ein Kollege vor wenigen Tagen (liest Email vor): „Der Umgang in Bad Berka mit Ärzten war unmöglich. Man hat mit möglichst wenig Lohn möglichst viel Arbeit von den Ärzten verlangt. Die Besetzung einzelner Abteilungen war unverantwortlich. Das Personal wird unverantwortlich gekürzt, so dass eine normale Pflege für Patienten nicht mehr gewährleistet werden kann. Ich weiß auch vom Helios Klinikum, dass es auf der Therapiestation kein Personal gibt. Keine einzige Schwester auf der ganzen Station. Die Patienten sind auf sich angewiesen. Ärztepersonal wird auch in anderen Abteilungen so knapp wie möglich gehalten. Was wir noch wissen, ist, dass die privaten Patienten unverschämt ausgebeutet werden. Unnötige Untersuchungen und Behandlungen, auch Operationen.“

OP: Haben Sie Informationen, die auch das Uniklinikum Gießen/Marburg betreffen?

Bergter: Was das UKGM betrifft, so kann ich die Situation nicht hinreichend einschätzen. Ich kann nur den Rhön-Gründer Eugen Münch zitieren, der erklärte: „Zur Komplexität der Mischversorgung kommen bei Universitätsklinika noch die Störpotentiale aus den Bedingungen der Lehre und Forschung hinzu.“ Und er ergänzte: „Die Fakultät muss zum handlungsfähigen Partner werden, der sich intern durch Selbstdisziplin und daraus folgend durch qualifizierte Organisation und Management auszeichnet. Die Lösung ist ein völliger Umbau der Universitätsklinika.“ Was das für das UKGM bedeutet, mag sich jeder selbst ausmalen.

Das Gespräch führte Carsten Bergmann

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