Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
OP Pussy Riot-Mitglied Samuzewitsch im Interview
Pussy Riot-Mitglied Samuzewitsch im Interview
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:02 06.03.2018
 Jekaterina Samuzewitsch kämpft um ihre Reputation – und die von Pussy Riot. Quelle: dpa

Marija Aljochina und Nadja Tolokonnikowa befinden sich nach wie vor in Lagern. Sie aber kamen im Oktober auf Bewährung frei. Haben Sie Kontakt zu den Inhaftierten? Wie geht es den beiden?

Es ist schwierig, die beiden zu kontaktieren. Offiziell ist es verboten, weil ich als Mittäterin gelte. Es ist natürlich möglich, Briefe unter anderem Namen zu schreiben. Marija ist vor Kurzem in ein anderes Lager gekommen. Da gibt es Schwierigkeiten mit der Briefzustellung. Bei Nadja dauert es ungefähr einen Monat, bis eine Nachricht angekommen und eine Antwort erfolgt ist. Generell kann ich sagen, dass sie, so gut es möglich ist, mit der Situation in den Lagern zurechtkommen.

Gegen das Pussy-Riot-Urteil wurde beim Moskauer Stadtgericht Beschwerde eingelegt. Wie wahrscheinlich ist es, dass das Urteil aufgehoben wird?

Die Beschwerde beim Moskauer Stadtgericht ist inzwischen für alle drei abgelehnt worden. Jetzt liegt sie beim Obersten Gericht in Russland. Was uns positiv stimmt, ist, dass Jegorowa, die Vorsitzende des Stadtgerichts, bei ihrer Ablehnung eine derart seltsame Antwort gegeben hat, in der sie quasi anerkennt, dass man es mit einem Unrechtsurteil zu tun hat.

Sie liegen im Rechtsstreit mit den alten Anwälten. Was werfen Sie diesen vor?

Es hat de facto keine Verteidigung stattgefunden. Und dann haben die Anwälte auch noch versucht, den Namen Pussy Riot kommerziell zu nutzen, was eindeutig ungesetzlich ist.

Nachdem Sie im Oktober die Anwälte gewechselt haben und auf Bewährung freigekommen sind, wurden Sie verdächtigt, sich mit dem Kreml arrangiert zu haben. Auch heißt es, dem russischen Geheimdienst sei es gelungen, Pussy Riot zu spalten. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Dieser Vorwurf oder dieses Gerücht ist sehr einfach zu kommentieren: Das kommt von den alten Anwälten. Erst als ihnen das Mandat entzogen war, wurde es möglich, die Verteidigungslinie zu ändern, was zu meiner Freilassung geführt hat. Die Verleumdungen sind einfach ein Versuch, davon abzulenken, dass keine Verteidigung stattgefunden hat. Sie bauen natürlich auch darauf, dass in der Bevölkerung nicht weitverbreitet ist, wie Gerichtsverfahren in Russland ablaufen und wie generell im Strafrecht gehandelt wird.

Pussy Riot erhielt Sympathiebekundungen von Madonna bis Björk. Hat die geballte Unterstützung womöglich eher geschadet und den Eindruck verstärkt, Pussy Riot sei westlich gesteuert?

Die Verschwörungstheorien hätte es auch ohne die Solidaritätsbekundungen gegeben. Dafür ist Russland anfällig. Es hätte garantiert irgend jemand behauptet, dass dahinter das US-amerikanische Außenministerium steht. Künstler aus den unterschiedlichsten Ländern haben uns unterstützt. Da kann man kein bestimmtes Land als Auftraggeber präsentieren. Die Unterstützung aus Deutschland und von deutschen Politikern ist natürlich großartig, aber in Russland weiß leider kaum jemand davon. In den offiziellen Medien kam das gar nicht vor. Und ob irgendetwas Einfluss auf russische Politiker hat, ist mehr als fraglich. Man hat eher den Eindruck, dass sie manche Sachen erst recht und aus Trotz machen.

Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Strategie, um gegenwärtig Kritik in Russland zu artikulieren?

Das ist individuell verschieden. Bei Pussy Riot haben wir eben die Kunst gewählt. Von daher kommt das unangemeldete Auftreten im öffentlichen Raum, was an sich schon Protest ausdrückt, weil Offizielle vorher nicht informiert werden. Künstler, die in dieser Form arbeiten, werden in Russland heute wie Staatsfeinde überwacht. Unsere Clips sind für extremistisch erklärt worden. Die Arbeit von Pussy Riot darf in Russland überhaupt nicht mehr zitiert werden. Der Staat hat Angst vor diesen Medienformen, auf die man letztlich keinen Einfluss hat. Wenn man sich überlegt, was eigentlich der Grund für das Urteil gegen Pussy Riot war, ist es bei Weitem nicht das physische Eindringen in die Kirche, sondern die Tatsache, dass dieser Clip verbreitet wurde und dass er im ganzen Land gesehen wurde und in der ganzen Welt.

Sie bezeichnen sich als Queer-Aktivistin. Im westlichen Fernsehen sah man kürzlich Bilder aus Russland von regelrechten Hetzjagden auf Schwule. Wie erleben Sie die Situation?

Die Opposition in Russland wird immer nationalistischer und tritt zunehmend lauter und aggressiver auf. Die LGBT, also Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, sind nur eine Gruppe, die darunter zu leiden hat. Für die LGBT ist es schwierig, dem etwas entgegenzusetzen, denn auch von staatlicher Seite erfahren wir Repression. Es gibt in Russland gerade eine sehr schlechte Entwicklung.

Wie sehr ist Ihre persönliche Bewegungsfreiheit eingeschränkt?

Ich darf Russland nicht verlassen. Wenn ich Moskau verlassen will, brauche ich eine Erlaubnis. Ich muss mich regelmäßig beim Bewährungshelfer melden. Und natürlich gibt es eine gewisse Kontrolle. Jeder kleinste Verstoß würde sofort an die entsprechenden Stellen weitergeleitet.

Was wünschen Sie sich für Ihre persönliche Zukunft?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Es gibt keine Zeit für Träume und Wünsche. Im Moment ist immer noch der Strafprozess das Wichtigste. Ein anderer Punkt ist der Kampf um die eigene Reputation. Es ist leider immer noch die Verteidigung gegen die alten Anwälte nötig. Das kostet viel Zeit. Wenn man einen Wunsch äußern könnte, dann wäre es, dass die Aufhebung des Urteils möglichst bald erfolgt und Nadja und Marija freigelassen werden. Das Wichtigste ist, dass alle frei sind, dann kann man auch wieder Wünsche haben.

Zur Person

Jekaterina Samuzewitsch, geboren 1982, arbeitete als Programmiererin beim Rüstungskonzern Morinformsistema-Agat, bevor sie sich an einer Fotoschule einschrieb und zur Aktivistengruppe Woina stieß. Heute vor einem Jahr wurde sie wegen einer Pussy-Riot-Aktion in einer Moskauer Kirche zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In einem Berufungsverfahren am Moskauer Stadtgericht wurde ihre Haftstrafe im Oktober in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, weil die wegen „Rowdytum“ Verurteilte gar nicht in der Kirche aufgetreten ist. Zwar hatte eine Sturmhaube übergestreift und zur Gitarre gegriffen, war dann aber am tatsächlichen Auftritt gehindert worden. Am heutigen Aktionstag gibt es unter anderem in vielen Städten Kundgebungen anlässlich der Verurteilung von Pussy Riot vor einem Jahr.

Interview: Johanna Di Blasi

Aus dem Russischen von Martina Steis