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Zwischen Monumenten und Militär

Auslandssemester in Frankreich Zwischen Monumenten und Militär

Alte Männer in Straßencafés. Müsste ich ein Bild wählen, welches meinen Erasmusaufenthalt zusammenfasst – es wäre dieses.

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„Auch wenn ich Marburg immer lieb haben werde – meine derzeitige Adresse ist unschlagbar. Bonjour Bordeaux!“, schreibt Muriel Kalisch aus Frankreich.

Quelle: privat

Bordeaux. Laufe ich durch das „Quartier Saint Michel“, das Stadtviertel Bordeauxs in dem meine Wohnung liegt, sehe ich sie überall. Sie sitzen dort, wenn ich morgens zur Uni laufe und nachmittags, wenn ich wiederkehre. Sie trinken Kaffee und Pfefferminztee und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Das nach der im vierzehnten Jahrhundert erbauten Basilika „Saint Michel“ benannte Viertel gehört zu den buntesten der französischen Stadt. Arabische Gemüseläden, Fleischereien und immer wieder Straßencafés prägen die multikulturelle Identität des Orts. Ich hätte mir für meinen Studienaufenthalt keinen schöneren Ort zum Leben wünschen können.

Die Frage, in welchem Land ich mein Auslandssemester verbringen werde, stellte sich mir gar nicht erst. Meine Großmutter ist Französin und die französische Kultur Teil meiner Familie. Somit standen auf meiner Erasmus-Wunschliste ausschließlich französische Städte: Bordeaux, Rennes, Lille und Nancy. Inzwischen wandere ich schon seit einigen Wochen durch die belebten Straßen Bordeauxs.

Das Jahr, in dem das Bewerbungsverfahren für meinen Auslandsaufenthalt lief, war kein Einfaches für Frankreich. Kurz nachdem ich mein Motivationsschreiben abgab, kam es in Paris zu den Anschlägen durch den sogenannten Islamischen Staat. Als ich im Frühsommer begann, nach Wohnungen zu suchen, fuhr ein Mann am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, in eine feiernde Menschenmenge. Als ich mich auf den Weg machte, bat nicht nur meine Mutter mich, auf mich Acht zu geben. Die Narben, die der Terror in Frankreichs Gesicht hinterlassen hat, sind nicht zu leugnen.

Militär ist überall präsent

Der Ausnahmezustand, den Präsident Francoise Hollande nach dem Attentat in Nizza verlängerte, zeigt sich in regelmäßigen Patrouillen schwer bewaffneter Soldaten an allen zentralen Sehenswürdigkeiten. Die Franzosen beruhigt die militärische Präsenz, mir machte sie zunächst Angst. Doch wie auch bei den Einheimischen geriet auch bei mir der Gedanke an den Terror schnell in den Hinterkopf – der Umzug in ein neues Land bietet genügend Gelegenheiten zur Ablenkung.

Meine Zeit in der französischen Universität, an der „Sciences Po Bordeaux“, wird konstant von einem Geräusch untermalt: tippen. Anders als an deutschen Unis halten die französischen Professoren nicht viel von Präsentationen und so schreiben die Muttersprachler jedes Wort der Vorlesung mit. Meine wackeligen Französischkenntnisse sind dabei nicht hilfreich und auch die anderen Erasmusstudierenden verzweifeln an dem genuschelten Französisch der Professoren.

Doch Erasmus in Frankreich ist weit mehr als die Zeit, die man in der Uni verbringt. Zwischen Café au Lait, den aus der Region stammenden Weinsorten und französischem Gebäck kann man sich auch wunderbar am überbordenden kulturellen Angebot der Stadt verlieren. Die Altstadt Bordeauxs ist seit 2007 Unesco-Weltkulturerbe. Auf den historischen Straßen und Plätzen finden jede Woche Partys, Konzerte und Flohmärkte statt. Auch der Atlantik ist nicht weit. Und da der Sommer im südfranzösischen Klima bis in den Oktober hineinreicht, pilgern jedes Wochenende surfbegeisterte Studierende nach Lacanau, an die Dune du Pilat oder zum Cap Ferret.

Mein Bewerbungsschreiben für den Aufenthalt in Bordeaux beendete ich mit dem Satz „Nach meinem Erasmus-Aufenthalt in Bordeaux, so hoffe ich, werde ich mich noch weniger als Deutsche, denn als Europäerin verstehen“. Kurz vor Weihnachten werde ich wieder nach Deutschland zurückgehen. Schon jetzt habe ich das Gefühl, dieses Ziel erreicht zu haben. Erasmus, das bedeutet neue Menschen aus allen Ländern Europas, das bedeutet sich in der Kultur eines fremden Landes einzufinden und sie lieben zu lernen. Frankreich, das bedeutet für mich die Liebe zu gutem Essen, das übersprühende Temperament der Franzosen – und alte Männer in Straßencafés.

von Muriel Kalisch

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