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Zeit in Marburg ist Neuanfang

Das Thema Zeit in Marburg ist Neuanfang

Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist Michaela Meinert stark sehbehindert. Ihren Traum, Psychologie zu studieren, hat sie sich trotzdem erfüllt.

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Michaela Meinert studiert Psychologie im 9. Semester.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Auf den ersten Blick sieht Michaela Meinert wie eine gewöhnliche Studentin aus. Um den Hals hat sie einen dicken, grünen Schal gewickelt und sich über ihre Schulter lässig eine Handtasche gehängt. Ihr Blick ruht gelassen auf ihrem Gegenüber. „Viele Menschen merken gar nicht, dass ich sehr schlecht sehe“, sagt die 23-Jährige mit den blonden Haaren, „was im Umgang mit fremden Menschen manchmal zu Missverständnissen führt.“

Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie zu 100 Prozent sehbehindert. Damals entdecken die Ärzte einen Hirntumor in ihrem Kopf. Eine Operation rettet ihr Leben, doch ein großer Teil ihres Sehvermögens ist für immer verloren. Bis heute sieht sie auf dem linken Auge nichts. Mit dem Sehrest des rechten Auges ist es ihr möglich, sich in bekannter Umgebung sicher und eigenständig zu bewegen.

Nach der Operation kehrt Meinert an ihre Schule zurück. Doch mit dem Beginn der Pubertät nimmt das Verständnis ihrer Mitschüler für ihre „Sonderbehandlung“ ab. Sie braucht mehr Unterstützung, Bücher und Arbeitsblätter in größeren Lettern, Wiederholungen, damit sie das, was sie nur hören und nicht an der Tafel sehen kann, auch versteht. „Ich bin froh, dass ich damals gelernt habe, auf mich aufmerksam zu machen und nach Hilfe zu fragen, da dies zum Alltag eines behinderten Menschen gehört“, sagt Meinert heute. Doch damals litt sie unter dem Mobbing. Sie zieht sich zurück. Ihr Freundeskreis wird kleiner, die Schulbesuche seltener.

"Ich konnte mein Selbstbewusstsein wieder aufbauen"

„Nach meinem Schulabschluss war ich froh darüber, einen Neuanfang machen zu können.“ Sie entscheidet sich, ihr Abitur an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg zu machen. Zum ersten Mal muss sie sich nicht selbst um die Lernmaterialien bemühen. „In der Blista konnte ich mich zum ersten Mal aufs Lernen konzentrieren und einfach nur Jugendliche sein. Ich konnte mein Selbstbewusstsein wieder aufbauen.“

In der Oberstufe entwickelt sie den Wunsch, Psychologie zu studieren. „Mich fasziniert die Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen und die Gründe dafür.“ Für sie steht schnell fest, dass sie in Marburg studieren möchte. „Zum einen, weil ich mich hier wohl fühle. Zum anderen bin ich dem Rat meiner Schwestern gefolgt, die meinten, dass durch meine starke Sehbehinderung ein Studium sowieso schon zahlreiche neue Herausforderungen bereit halten würde und ich mich deshalb nicht unbedingt noch mit der Erarbeitung einer komplett neuen Umgebung belasten müsste.“

Andere Studenten nehmen sich ein Buch in die Hand und fangen an zu lernen. Bei ihr steckt viel Organisation dahinter. Präsentationen, die während Vorlesungen und Seminaren gehalten werden, muss sie sich am Computer vergrößern und mit einem Diktiergerät auflesen lassen. Falls Texte und Bücher digital mal nicht zur Verfügung stehen, hilft ihr eine „Vorlesehilfe“, die das Sozialamt finanziert und die ihr Texte aufliest, Tabellen erklärt oder Bücher einscannt. Den größten Anteil der Prüfungen darf sie an ihrem Laptop schreiben oder an einem mit entsprechender Vergrößerungssoftware und Sprachausgabe ausgestatteten Computer des Fachbereichs.

Empathische Fähigkeiten kompensieren Seheinschränkung

Trotz des Aufwands macht ihr das Studium aber großen Spaß. Seit 2013 arbeitet sie als studentische Hilfskraft am Fachbereich Psychologie und berät als solche sehbehinderte Studenten und Studieninteressierte. Gerade hat sie ein Praktikum in einer Akut-Psychiatrie in Treysa absolviert, wo sie bei Therapiegesprächen mit dabei sein und Gruppensitzungen leiten durfte.

Bei der Suche nach einem Praktikumsplatz habe sie viel Ablehnung erfahren. „In einem Vorstellungsgespräch wurde mir aufgezählt, was ich alles nicht kann, so dass ich mich gefragt habe, warum ich überhaupt eingeladen wurde. Ein andermal wurde mir wieder mal vor Augen geführt, dass ich den Gesichtsausdruck von Patienten ja gar nicht sehen könnte.“

Doch Meinert verfügt über etwas, was viele Sehende nicht können: „Ich habe empathische Fähigkeiten, die gut ausgeprägt sind und meine Seheinschränkung gut kompensieren können. Allein an der Stimmlage eines Menschen erkenne ich oft, wie es ihm geht.“ Deshalb will sie nach ihrem Studium eine Psychotherapeutenausbildung machen.

von Ruth Korte

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