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Zehn Dinge . . . "Mein Sohn ist in Marburg und trinkt Bier"
UNIversum Zehn Dinge . . . "Mein Sohn ist in Marburg und trinkt Bier"
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12:31 18.10.2011
Das Graffiti könnte für manchen Erstsemester als direkte Handlungsanweisung verstanden werden, wenn es mal wieder darum geht, lauthals über das Leben außerhalb des Hotels Mama zu klagen. Quelle: Nadja Schwarzwäller

Wie immer, zuerst die Hitliste:

1. Ich will später mal was mit Medien machen.

2. Fährt der Bus zum Ahrens?

3. Das ist echt SO anstrengend mit dem Studium.

4. Hier kann man gar nicht richtig weggehen...

5. Ich dachte, der Aufzug fährt aufs Schloss?

6. Morgen früh die Vorlesung ist echt nicht sooo wichtig.

7. Wie lange muss man Kartoffel eigentlich kochen?

8. BOA, war MIR gestern schlecht.

9. Ich will ganz schnell nach München wechseln.

10. Wir haben gestern im Proseminar diskutiert, ob...

Zunächst einmal muss ich mich entschuldigen. Diese Zeilen sind politisch unkorrekt, sie sind intolerant und diskriminierend. Sie kommen aus der Tiefe meines Herzens. Ich kriege Schnappatmung, wenn alle Semester wieder die ersten Sätze der ersten Lehrbücher zitiert werden, die das beflissene Erstsemester wie Generationen von Studierenden vor ihm durchkopiert hat, als seien sie nichts Geringeres als der Stein der Weisen, den es gerade eben einem todbringenden mythologischen Monster entrissen hat. Dass seine direkte Umgebung im Bus, in der Kneipe oder im Supermarkt wahlweise nicht das geringste Interesse an diesen Erkenntnissen oder sogar – wir leben in einer Stadt der Intellektuellen – weitaus profundere Kenntnisse der Materie hat, scheint dem Erstsemester nicht in den Sinn zu kommen. Oder wir werden Zeuge der ersten Begegnungen mit Wodka-Orgeln, dem WG-Leben, Beziehungskrisen, dem Kuchenbacken, Lehrbeauftragten oder der Telekom.

Aber wir wollen fair bleiben. Und damit meine ich keinesfalls, wir wollen es den unerfahrenen Kerlchen mal mit einem mitleidigen, herablassenden oder gar verständnisvollen Lächeln durchgehen lassen und so tun, als würden wir uns eine Dokumentation über eine seltene, putzige Tierart ansehen. Nein. Ich habe nicht freiwillig eingeschaltet. Und sie sind nicht putzig! Ich meinte: Bleiben wir fair und halten fest, dass es manchmal auch Studenten im zweiten oder im vierundzwanzigsten Semester sein können, die sich derart aufführen. Oder Menschen, die gar keine Studenten sind. Aber das tut nichts zur Sache. Und wer echte Fairness erwartet, der ist bei mir zu diesem Thema ganz falsch, wie ich bereits freimütig gestanden habe.

Es ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, wie die Marburger Busfahrer die halbjährliche Invasion von „Fährt der Bus zum Ahrens?“ überleben, ohne ausfällig oder gewalttätig zu werden. (Wobei natürlich auch jede andere Haltestelle erfragt wird, gerne aber eben auch ein Ort und Name, der gar keine Haltestellen ist!) Unfassbar für mich persönlich ist die Tatsache, dass auch x Jahre nach meinem eigenen Studienbeginn ein Satz nicht auszurotten ist, der mich damals schon in die Verzweiflung getrieben hat: Medienwissenschaftler, oder besser: angehende Medienwissenschaftler, die als Berufsziel angeben, mal „irgendwas mit Medien machen“ zu wollen. Und damit meist eine journalistische Tätigkeit meinen oder gleich ins gelobte Filmland ziehen und als Regisseur aber mal mindestens den Oscar gewinnen wollen. Wofür sie ihr Studium hier aber nicht wirklich qualifiziert.

Ansonsten kann ich nur mühsam an mich halten, wenn ich mir Klagen darüber anhören muss, wie schwer so ein Studium doch ist. Wie viel man lernen muss. Und dass die Vorlesung echt schon SO früh beginnt. Was genau glauben die eigentlich, was sie im Arbeitsleben erwartet? Also – diejenigen, die Regisseur werden wollen glauben natürlich, sie brüllen „Action“ in ein Megaphon und lassen sich Kaffee von Praktikanten bringen. Oder so ähnlich. Aber es gibt ja auch noch ein paar andere Fachrichtungen in Marburg. Und Ärzte, Juristen oder sogar Pädagogen müssen durchaus höhere Arbeitsbelastungen verkraften als die Anforderungen eines ersten oder zweiten Semesters an der Uni. Wer keinen Bock zu lernen hat, der soll einfach nicht studieren. Und wer sich unbedingt beschweren möchte, sollte dies zumindest nicht in der Nähe einer Krankenschwester tun, die gerade von der Schicht kommt.

Außerdem: Muss man als ZVS-geschädigter Studi wirklich permanent darauf hinweisen, wie klein, provinziell, langweilig oder sonstwie minderwertig Marburg angeblich ist? Auch da möchte ich am liebsten immer einschreiten und dem entsprechenden Ersti raten, seine Siebensachen eben wieder zu packen und zu verschwinden. Jammern auf hohem Niveau ist ja inzwischen offenbar zur Tugend geworden. Ich kann es aber nicht leiden. Und als ich eine neu zusammengewürfelte WG vor kurzem im Supermarkt darüber diskutieren hörte, wie lange man Kartoffel eigentlich kochen muss, war ich kurz davor, weinend in der Gemüseabteilung zu Boden zu sinken. Man kann 18 oder 19 Jahre oder sogar noch älter werden, ohne jemals selbst Kartoffeln gekocht zu haben? Wo haben diese Menschen bisher gelebt? Und: Warum mussten sie nun ausgerechnet nach Marburg kommen?

von Nadja Schwarzwäller