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Luisabad und Biegeneck - sind weg Mit der Zahnradbahn zu Bopps Terrassen

... die es nicht mehr gibt

Mit der Zahnradbahn zu Bopps Terrassen

Der Campus wird die Innenstadt in den nächsten Jahren verändern, das hört man allerorten. Aber es ist ja nun nicht so, dass sich die Stadt nicht schon verändert hätte. Noch vor 20 Jahren sah es rund um Marburgs Neue Mitte noch ziemlich alt aus - was nicht jeder bedauert.

Das Luisabad stand bis 1997 dort, wo heute die Volksbank Mittelhessen steht. Das Archivfoto von Claus Steller zeigt das Bad so, wie es im Jahr 1980 aussah.

Ob es beim Abriss des alten Gaswerks am Afföller viel Protest gab, ist heute nicht mehr bekannt. Der große Gasbehälter wich zuerst einer Freifläche. Seit einigen Jahren ist dort ein Kulturzentrum angesiedelt, das in Anlehnung an den alten Zweck des Geländes den ebenso schönen wie für Nichteingeweihte irreführenden Namen g-werk trägt.

Sehr viel Protest gab es dagegen bei zwei anderen Institutionen in der Innenstadt, die in den vergangenen 20 Jahren verschwunden sind. Das eine ist das Luisabad, das andere das Biegeneck. Das, was Erstsemester und andere Neubürger heute als Marburgs neue Mitte mit großem Kino, Kunsthalle, Lahn-Center und Volksbank kennen, war vor 20 Jahren noch weithin Ödland. Bis eben auf das Luisabad. Das nach der Mäzenin Luisa Heuser benannte Hallenbad (an seiner Stelle steht heute die Volksbank Mittelhessen) wurde 1930 eröffnet - und es diente nicht nur zum Schwimmen. Viele Bewohner der Oberstadt kamen ins Luisabad um ihre Körperhygiene auf den modernsten Stand zu bringen. Denn während die meisten Wohnungen in der mittelalterlichen Oberstadt zwar viel Fachwerk, aber wenig Nasszellen hatten, war beim Bau des Luisabades eigens darauf geachtet worden, auch viele Kabinen mit Badewannen und Duschen einzubauen. Ein Umstand, der beim Abriss 1997 und bei der Schließung des Bades 1992 schon weniger wichtig gewesen sein mag als bei der Eröffnung. Schnell überholt sind in Marburg wie anderswo auch Aussagen der Politik. Beim Umbau des Sommerbades ins Aquamar verneinte der damalige Bürgermeister Egon Vaupel (SPD) die Frage, ob denn nun das Europabad im Stadtteil Marbach geschlossen werde, ganz vehement. Das 1972 eröffnete Hallenbad mit dem wunderschönen Rundumblick wurde dann 2006 geschlossen.

Während der Umbau der Bäderlandschaft von vorwiegend verbalen Protesten begleitet war, kam es 1991 zum regelrechten Studentenaufstand, als das Biegeneck geräumt wurde. Dort, wo heute das Lahn-Center mit angeschlossenem Best-Western Hotel steht, war nämlich bis Anfang der 90er Jahre eine ziemlich große Brache mitten in der Stadt. Eine alte Fabrik (die Stockschen Hallen) stand dort einsam zwischen einigen älteren Bürgerhäusern, die billige Studenten-WGs und einen legendären Schnellimbiss beherbergten. Als der damalige Oberbürgermeister Marburgs, Hanno Drechsler (SPD), 1991 die Umsetzung jahrealter Pläne zur Neugestaltung des Areals anging, kam es zu weiträumigen Protestaktionen, die in der Besetzung der Stockschen Hallen gipfelten. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde das Gelände von der Polizei geräumt. Das Buch "Soziale Plastik Biegeneck" gibt einen umfassenden Einblick in die Geschehnisse - aus Sicht der Besetzer. Der griffige Slogan "Hände weg vom Biegeneck - billiger Wohnraum für alle" ist heute zumindest noch teilweise aktuell.

Dass gleich nebenan knapp 20 Jahre später die nächste große Industrieanlage weichen würde, wagte 1991 wohl noch niemand zu prognostizieren. Das gute Bier vom Pilgrimstein, wie das Marburger Bier lange beworben wurde, war wohl doch nicht gut genug, um im globalen Brauereiwettbewerb zu bestehen. Vor wenigen Jahren ging die Brauerei in die Insolvenz. Die Industrieruine wurde 2009 abgerissen - heute ziert ein schöner Parkplatz das Gelände. Nur ein Teil des Brauereiturms erinnert noch an die Tradition der Gegend. Bald aber schon wird dort ein Teil des neuen Campus entstehen und so geht der Wandel weiter und weiter...

Doch: Es gibt auch Dinge, die niemand vermisst. Dazu gehört die Nummer 6 der Liste, die Zahnradbahn, die dermaleinst wagemutige Besucher des Parkhauses am Pilgrimstein von der obersten Parkebene in die Oberstadt beförderte - oder eben auch nicht. Das Ruckelgefährt neigte nämlich zu einer sehr individuellen Auslegung des Begriffs Transport. Als die Bahn, die an der Wasserscheide endete, 1999 geschlossen wurde, weinten ihr wahrscheinlich nur ganz hartgesottene Zahnradbahn-Anhänger auch nur eine Träne nach. Die meisten anderen waren froh, dem Ruckeln des Grauens heil entronnen zu sein.

Die Nummer 8 der Liste dagegen wird von älteren Marburgern noch heute mit leichter Wehmut in der Stimme gepriesen. "Bopps Terrassen" war ein legendäres Lokal in der Nähe des Marktplatzes. Es wich den ersten noch reichlich modernen Ausläufern der Altstadtsanierung und wurde durch einen schönen Neubau ersetzt. In dem mehrgeschossigen Haus sind heute viele Wohnungen und Geschäfte untergebracht. Dass nicht die gesamte Oberstadt zubetoniert wurde, ist wiederum demselben OB zu verdanken, der 20 Jahre später das Biegeneck räumen ließ. Hanno Drechsler steht bis heute für die vorbildliche Erhaltung des mittelalterlichen Ensembles Oberstadt - für die modernen Wohnwilligen wurde der Richtsberg gebaut. Der allerdings regredierte schnell vom Modellprojekt zum Sozialprojekt. In den Hochhäusern fühlten sich die Pioniere der modernen Stadt nicht lange wohl - sozial Schwache zogen an deren Stelle in die Betonsiedlung.

Eine lange Liste ist es, die Liste mit den verschwundenen Dingen. Und sie wird noch länger. Denn wo heute an der Unistraße über den Bau einer Mall gestritten wird, wurde in den 60er Jahren eine damals hochmoderne Mall gebaut. Die Stadtsäle mussten dafür weichen, dass das Schlossberg-Center (früher Hortenhaus) entstehen konnte. Seither sucht Marburg vergeblich nach einer schönen Veranstaltungshalle. Die Stadthalle in der Biegenstraße ist funktional und gut besucht - schön ist sie nicht.

Beschließen wir die Liste mit etwas Schönem, das etwas noch Schönerem wich. Das Rex-Kino in der Schwanallee war ein Lichtspielhaus erster Güte. Großzügige Sitze, gepflegter Getränke- und Speisenausschank, große Filme: alles, was in den 60er Jahren für ein gutes Kino nötig war. Und eine Kassiererin, die noch mit über 80 Jahren den Laden im Griff hatte: Anneliese Hittinger hieß die kleine Frau mit dem großen Herzen, die das Rex vom Anfang bis zum Ende begleitete. Mit den wachsenden Anforderungen an modernes Kino konnte das Rex nicht mithalten. Die Kino-Familie Closmann entschied sich deshalb, in Marburgs neuer Mitte zu investieren und ein Cineplex-Kino zu bauen. Eine gute Investition für Deutschlands Kino-Stadt Nummer 1. Aber das schöne Rex wurde 2001 abgerissen. Die Raucher trauern ihm noch heute nach. Im großen Saal durfte man nämlcih während der Vorstellung rauchen.

von Gabriele Neumann

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Fast wäre gleich zu Beginn alles schief gegangen. Und OP-Autorin Nadja Schwarzwäller gar nicht in Marburg geblieben. Glücklicherweise fanden sich nach einem markanten Punkt unserer Liste aber noch genügend andere Orte, die sie überzeugten.

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