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Zehn Dinge . . . „Karl, mei Droppe!"
UNIversum Zehn Dinge . . . „Karl, mei Droppe!"
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18:09 14.11.2011
Bier, angeblich ein Grundnahrungsmittel in Studenten-WGs, unterliegt in Deutschland dem Reinheitsgebot. Für Bierleitungen scheint das nicht unbedingt selbstverständlich zu sein, wie Nadja Schwarzwäller in einer Marburger Schankstätte entdeckte. Quelle: Nadja Schwarzwäller

also, zunächst die Liste, die wir von der Online-Redaktion gemeinsam mit Facebook-Freunden der OP erstellt haben:

1. eine leistungsstarke Kaffeemaschine. Danke @Stephan Kümmel

2. ein ordentlicher Putzplan. Danke @Nicole Hentschke

3. Toilettenpapier Danke @Sarah Sarama

4. Bier - in Maßen genossen. Nochmal Danke @Sarah Sarama

5. ein Sofa in der Küche, bietet Gästen Platz und kann von ihnen als Schlafgelegenheit genutzt werden (bei Verstoß gegen die Mengenangabe in Punkt 4.)

6. Telefon- und Internet-Flat mit ausreichend Anschlüssen.

7. Frischkorn-Müsli: um die gängigen bürgerlichen Klischees über Studi-WGs zu bedienen.

8. Oropax - der beste Lärmschutz seit es Partys gibt. Sollte bei WG-Partys kostenlos an die Nachbarn verteilt werden. Noch besser: Nachbarn rechtzeitig einladen.

9. Spaghetti und Nutella: gehören zu den Grundnahrungsmitteln junger aufstrebender Akademiker.

10. eine Dartscheibe: verhilft den angehenden Akademikern zu körperlicher Ertüchtigung und geistiger Entspannung.

Was ist unabdingbar, wenn mehrere Studenten gemeinsam in einer Wohnung leben? Ohropax – mein erster Gedanke. Wobei ich das nicht unbedingt an der Menschengruppe „Studenten“ festmachen möchte. Ich würde in jeder WG, in jeder Wohnung überhaupt nicht auf meine Ohropax verzichten wollen. Es sei denn, ich wohne in der kanadischen Wildnis. Obwohl man sich da vielleicht selbst da geräuschetechnisch abschotten muss – dann eben gegen Braunbären statt Nachbarn? Nach diesem ersten Gedanken jedenfalls habe ich mich gezügelt und jede weitere Beschäftigung mit dem Thema unterbunden, weil ich abwarten wollte, was an Vorschlägen von unseren Leserinnen und Lesern kommt. Und siehe da: eine Kaffeemaschine wird da für grundlegend erachtet. Oder ein Putzplan. Interessant.

Da ich bislang immer nur in 2er-WGs gewohnt habe, gab es keinen Anlass für einen Putzplan. Glücklicher- oder auch blöderweise war immer nachvollziehbar, wer welchen Dreck gemacht hatte. Und wer als nächstes dran ist, wenn der andere gerade dran war, ist bei zwei Bewohnern auch nicht gerade Quantenphysik. Aber Klopapier – Klopapier ist in der Tat essentiell. Wenn einen das menschlichste aller Bedürfnisse überkommt, ist es im Zweifel völlig zweitrangig, wer das Klo wann genau das letzte Mal geputzt hat. Ohne Klopapier aber ist man echt – angeschmiert.

Kommen wir zurück zur Kaffeemaschine. Das erschließt sich mir noch nicht so ganz. Ich bin bis heute ein leidenschaftlicher Verfechter des Handfilterns. Da ich aber erstens inzwischen allein in meiner ehemaligen 2er-WG wohne und im statistischen Durchschnitt 0,5 Tassen pro Tage trinke, stellt das auch kein Problem dar. Sind Freunde zu Besuch, erfreuen die sich immer sehr an meinem offenbar archaisch anmutenden Ritual der Zubereitung, so dass es da bislang auch keinerlei Beschwerden gab. Wenn ich mich nun allerdings in die Situation eines Kaffeeholikers versetze, der sich zwischen seinen Sozialpädagogikvorlesungen und der nächsten WG-Party die Küche mit fünf Mitbewohnern und eventuell noch seinen und deren Geschlechtspartnern und Kommilitonen teilen muss, dann sehe ich ein, dass eine Kaffeemaschine nicht nur Sinn macht, sondern langfristig wahrscheinlich das Überleben sichert.

Was das Bier angeht, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Vorrat an Tee mindestens genauso wichtig ist. In meinen WG-Zeiten wie auch in allen WGs, die ich je kennengelernt habe, schenkten sich die Sätze „lass uns einen Tee trinken“ und „lass uns ein Bier trinken“ nichts in punkto Beliebtheit – abhängig allerdings von der Witterung, der Tageszeit und dem Gemütszustand der Beteiligten. Für den Punkt „Sofa in der Küche“ bin ich indes überaus dankbar – ich hätte nämlich angesichts der durchweg erstaunten bis fassungslosen Reaktionen, die dieses spezielle Möbelstück bei Besuchern meiner Wohnung bislang immer hervorgerufen hat, nicht gedacht, dass es anderen überhaupt geläufig ist. Einen Bierrausch darauf ausgeschlafen haben aber nur einmal zwei sternhagelvolle und übel schnarchende Tischtennisspieler. Ansonsten diente es fast ausschließlich als Logenplatz für Freunde, um mir beim Kochen zuzusehen.

Eine Telefon- und Internetflatrate hingegen hat für mich gar nichts auf dieser Liste zu suchen. Das WG-Leben wird doch viel lustiger ohne. In Zeiten von DSL und W-LAN schaue ich fast ein wenig wehmütig auf die Zeiten zurück, als es nicht nur noch kein Internet gab, sondern ich mir mit meinem Mitbewohner auch noch ein Telefon teilte – sowohl den Anschluss, wie auch den Apparat. Und wir reden hier von einem Apparat, der an einer Schnur hing. Man schrieb sich Zettel über verpasste Anrufe und schrie sich an, wenn man vergessen hatte, Zettel über verpasste Anrufe zu schreiben. Verzeihung, ich werde nostalgisch. Aber das kann man auch werden, zum Beispiel angesichts des folgenden verpassten Anrufs: den eines Mädels, von dem ich wusste, wie großartig sie mein Mitbewohner fand und als ich ihm bei seiner Heimkehr davon erzählte und er betont gleichgültig tat und wissen wollte, was ich ihr gesagt hätte, wo er sei, lächelte ich betont kaltschnäuzig. „Du, der ist grad die Kinder abholen“. Hatte ich natürlich nicht gesagt. Und inzwischen sind die beiden glücklich verheiratet.

Zurück zum Thema. Auch wenn andere Menschen finden, Frischkornmüsli sei das Grundnahrungsmittel in Wohngemeinschaften – und sei es nur um des Klischees willen, halte ich Nutella und Spaghetti für lebensnotwendig. Nicht umsonst hat der Fußballer Horst Heldt in einem legendären Interview auf die Frage danach, woran er glaubt, geantwortet: „An die fünf lebenswichtigen Bausteine in Nutella“. Spaghetti gehen mit Ketchup ebenso wie mit einem ausgefeilten Pesto Rosso. Wie sagte eine meiner Mitbewohnerinnen einst so weise: „Es ist rot und warm. Es ist großartig.“ Und dann wäre da noch die Dartscheibe. Die ich ebenfalls aus reiner Nostalgie mit in die Liste aufgenommen habe. Einige meiner großartigsten WG-Erinnerungen überhaupt sind mit der Dartscheibe aus der WG über mir verbunden. Und sollte einer der Jungs von damals diese Zeilen lesen, dann werden ihnen mit Sicherheit einige ihrer weniger großartige Erinnerungen in den Sinn kommen. Als sie haushoch gegen mich verloren. Für diese Fälle braucht man dann wiederum Bier. Karl, mei Droppe!

von Nadja Schwarzwäller