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...Orte, die man nicht gesehen haben muss

Ich seh' etwas, was du nicht siehst

Der Bahnhof schreckt ganz ordentlich ab, aber kurz darauf erblickt man meist das Schloss. Das hilft, auch andere neuzeitliche architektonische Tiefschläge zu verkraften.

Mit Blumen im Vordergrund sieht der Hauptbahnhof gar nicht so schlecht aus. Und außerdem wird er jetzt tatsächlich renoviert.

© Nadja Schwarzwäller

Wie gesagt, ich hatte Marburg nie zuvor gesehen – nur in den bunten Broschüren, die mir geschickt worden waren. Das Internet gab es damals noch nicht wirklich, und selbst wenn, hätte ich dort wohl ähnliche Bilder gefunden: Fachwerkidyll, fröhliche Studenten auf bunten Wiesen, noch mehr Fachwerkidyll, fröhliche Studenten in lustigen Kneipen und noch ein bisschen mehr Fachwerkidyll. Nach den ersten Schritten aus dem Bahnhof heraus konnte ich davon nur leider so überhaupt nichts entdecken. Hektisch blickte ich um mich. Vielleicht war ich in der falschen Stadt ausgestiegen? Aber nein. Marburg. Man bestätigte es mir. Das musste es sein.

Glücklicherweise erblickt man irgendwann ja doch noch einen der Orte, den man gesehen haben muss. In meinem Fall ging das sehr schnell: Ich sah das Schloss. Majestätisch thront es über der Stadt und dieser Anblick stimmte mich versöhnlich. Also gut. Vielleicht ist es ja doch ganz nett hier. Dass aus dieser Hoffnung eine inzwischen 13 Jahre währende Liebe zu Marburg geworden ist, kann man dennoch getrost unter „Mysterium“ verbuchen. An diesem ominösen ersten Tag damals standen nämlich alle Zeichen bestens, um mich kehrt machen und nie wiederkehren zu lassen: Ich bin auf die „Asthma-Treppe“ reingefallen, habe mir an einem theoretisch heißen August-Tag, an dem es aber praktisch hinterhältig zu nieseln begann Blasen gelaufen, bekam dabei noch weitere vier Punkte der aktuellen Liste zu sehen und war am Ende nicht einmal eingeschrieben, weil ich zu spät im Sekretariat aufgeschlagen war. Trotzdem. Ich kam wieder, blieb und bin immer noch da.

Und was die restlichen Punkte der Liste angeht, setzt zum Teil so etwas wie Altersmilde bei mir ein. Ein bisschen nostalgisch verklärte Erinnerung an das Eiscafé, das es mal unten am Rudolphsplatz gab, und schon blickt man seufzend über all das „architektonisch Suboptimale“ hinweg. Der Südbahnhof? Ach, all die Male, die man eine liebe Freundin aus Studienzeiten dort abgeholt und dann bei ihrer Vermieterin Kuchen gegessen hat – seufz. Affenfelsen? Die ganze Straße entlang haben wir in einer Sommernacht nach einer Party Kinderlieder gesungen – kicher, seufz. Voilà. Beim Rest hilft entweder Schönreden oder die Taktik, sich zu vergegenwärtigen, dass es Orte gibt, die aus der persönlichen Perspektive noch schlimmer sind: Die Unterführung zwischen Alter und Neuer Kasseler Straße schlägt die in der Biegenstraße meiner Meinung nach um Längen! Noch besser: Negativbeispiele in anderen Städten finden. Am allerliebsten in Gießen.

Das Klinikum ist ein Fall für sich, zumindest in meinem Fall. Einer Abteilung habe ich das Überleben meiner Mutter zu verdanken, und das überstrahlt alles andere. Sogar das Leuchten des Elisabethherzens, das im Mutter-Kind-Zentrum die Geburt eines neuen Erdenbürgers verkündet und das ich so oder so einfach eine schöne Sache finde. Motto: Ich seh‘ etwas, was Du nicht siehst. Und schon sieht etwas ganz anders aus. Aber ich sehe (!) ein, dass die grüne Kunst am Bau im Eingangsbereich des „alten“ Klinikums schwer verdaulich ist, optisch. Noch schlimmer als der Umstand, dass es nicht schön dort ist, ist nur noch die Tatsache, dass man sich dazu noch grundsätzlich verläuft. Oder anders herum: Wenn man sich schon verlaufen muss, könnte es wenigstens schön sein. Ist es aber nicht. Also ist der Platz in unserer Liste wohl gerechtfertigt.

Ansonsten heißt es, wie so häufig: alles Ansichtssache. Oder eine Frage der Perspektive. Vor kurzem wurde ich Zeugin eines Gesprächs, bei dem eine scheinbar Ortskundige einem offensichtlich Ortsfremden einen eher negativ beleumundeten Stadtteil (Waldtal) näherbringen wollte, während sie vage in dessen Richtung deutete. Nicken beim Gesprächspartner. „Sieht man gleich“, kommentierte er mit Blick auf das böse Ghetto. Schade nur, dass der Blick ein wenig falsch eingenordet war und in Wahrheit auf einem Hort des Wissens und Strebens (PhilFak) ruhte. Was allen Beteiligten erst klar wurde, als er nachfragte, ob selbst in diesem hässlichen silbernen Klotz (UB) auch Menschen leben. Ups. Nein, nein. Das ist gar kein Stadtteil, musste rasch korrigiert werden. DAS ist die Philosophische Fakultät der Universität. Da kann man sich schnell mal vertun.

von Nadja Schwarzwäller

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