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Eine kleine Klolumne Stille Örtchen mit maritimem Flair

Zehn öffentliche Toiletten

Stille Örtchen mit maritimem Flair

Für dringende Bedürfnisse unterhält die Stadt Marburg 15 öffentliche Toilettenanlagen. Manche sind ganz, ganz toll (siehe Rathaus), andere eher schlicht, wenn nicht gar abschreckend. Aber wenn die Not groß ist, tritt die Ästhetik zurück.

Ton in Ton mit den Rosen im Schlosspark: Miettoiletten beim Stadtfest 3TM.

© Nadja Schwarzwäller

„Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht befriedigt, erweist sie sich ungeduldig, sind sie befriedigt, so erscheint sie gleichgültig“, sinnierte Mark Twain. Machen wir auch diese Bedürfnisse menschlich, allzu menschlich, und auch hier wird deutlich: Philosophie ist etwas zum Anfassen. Nein, streichen wir diese Formulierung. Philosophie ist – gar nicht so kompliziert. Nicht wahr? Jemand, der von einem dringenden Bedürfnis geplagt wird, den können wir uns sehr gut als ungeduldig vorstellen, doch... Und wo nichts drückt, da interessiert einen auch nicht die Bohne, wo das nächste Klo ist. So einfach ist die Welt.

Wussten Sie, dass die Stadt Marburg 15 Toilettenanlagen unterhält? Eine davon ist derzeit offiziell außer Betrieb, aber ansonsten befinden sich am Oberstadtaufzug ebenso wie in Cappel, auf dem Friedhof und vor dem Rathaus öffentliche Klos. Im Rathaus finde ich die Besuchertoilette übrigens äußerst ansprechend gestaltet – so hübsch gefliest und mit maritimem Flair... Eher abschreckende Beispiele gibt es natürlich auch. Aber wenn das Bedürfnis wirklich dringend ist – da hilft nur Nase zu und durch.

Ich persönlich habe schon vor Jahren sämtliche öffentlichen – und auch einige nicht öffentliche – Toiletten kennengelernt, als ich mit einem Familienmitglied unterwegs war, das „e Kerbbläsje“ sein eigen nennt. Auf Hochdeutsch (obwohl das gar nicht geht): eine Kerbblase. So nennt man dort, wo ich herkomme, eine schwache Blase. Warum, konnte mir bislang keiner erklären. Aber egal. Mit der ist sight-seeing jedenfalls eine Sache, bei der man einige sights sieht, die mit Sehenswürdigkeiten nicht viel zu tun haben. Aber man erlebt tolle Sachen. Noch heute schwärmt besagtes Familienmitglied von der schönen Oberstadt. Und den netten Menschen in der alten Frauenklinik am Pilgrimstein, wohin sie ihr „Kerbbläsje“ verschlagen hatte.

Den meisten Marburgern völlig unbekannt ist indes die Tatsache, dass es für unsere Busfahrer spezielle Toilettenhäuschen gibt. Mir war bis zu der Beschäftigung mit diesem Thema nur das eine an der lauschigen Adresse „Sonnenblick“ aufgefallen. Und auf meine Nachfrage bestätigten mir die Stadtwerke, jawohl, das gebe es noch, und an mehreren anderen Endhaltestellen seien ebenfalls Toiletten für die Fahrer zu finden. Ein neues Projekt für mich: Sämtliche Buslinien einmal hin und zurück fahren und Klos zählen. Das wird ein Spaß. Dabei lässt sich sicher trefflich Camus oder so etwas lesen. Einen hab ich übrigens noch. „Sei Dir Deiner Kräfte, Bedürfnisse und Möglichkeiten bewusst, dann wirst Du auf dem Weg, den Du beschreitest, einen Gefährten haben.“ Diese Weisheit stammt aus Tibet. Darüber muss ich allerdings nachdenken.

von Nadja Schwarzwäller

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