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Eine Stadt ist eine Uni ist eine Stadt Mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern

Zehn Zitate über Marburg

Mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern

Ist die Stadt nun eine Universität oder ein mittelalterliches Märchen? Ein bisschen von beidem, findet OP-Autorin Nadja Schwarzwäller.

Die Fachwerkidylle in Marburg trägt wesentlich zum Bild Marburgs in der Öffentlichkeit bei.

© Nadja Schwarzwäller

Dass die Stadt nicht eine Universität habe, sondern eine Universität sei, ist ein viel zitiertes Bonmot geworden, dessen Kern irgendwie heute noch der Wahrheit entspricht. Auch das „Anmutig-Beschränkte des bürgerlichen Zustands“, von dem Werner Bergengruen spricht, scheint mir alterslos in Marburg zu überdauern. Apropos alterslos: „In Marburg muss man nicht erwachsen werden“. Dieser Satz stammt von einer hier längst heimisch gewordenen Schriftstellerin. Als sie ihn in einem Interview mit mir äußerte, übte ich gerade meine ersten Schritte im Lokaljournalismus, war Anfang 20 und konnte nur ahnen, was sie damit meinte. Heute weiß ich es.

Ich genieße immer noch ein Lebensgefühl, das sich nicht wirklich gravierend von dem meiner Studentenzeit unterscheidet. Dass ich älter geworden bin, merke ich eigentlich nur, wenn ich mal wieder in einer Kneipe gesiezt werde. Dann bin ich ein bisschen deprimiert und seufze. Aber das ist bald schon wieder vergessen. Dem Rest von Marburg sei Dank. Der Stein der Weisen, der ewige Jugend gewährt, ist auch hier nicht im Fachwerk verbaut. Aber allein schon der stete Strom an neuen Studenten und der Anteil, den diese an der Bevölkerung ausmachen, hält die Stadt tatsächlich jung. (Und jeden, der sich darauf einlässt, gleich mit!)

Geisteshaltung und Fachwerkidyll haben viele Besucher und Bewohner schon zum Staunen und zum Schwärmen gebracht. Ob Hans-Georg Gadamer über den „geträumten Traum“ seiner zwanzig Jahre hier philosophiert oder Boris Pasternak Marburg attestiert: „Wenn das hier nur eine Stadt wäre, aber es ist ja ein mittelalterliches Märchen“ – Kaum einer, der sich dem besonderen Zauber entziehen könnte. Dass die Studenten alle so furchtbar höflich sind, wie T.S. Eliot behauptet hat, dem würde ich widersprechen wollen. Aber die Erker und Treppchen, über die sich die Herrschaften in unserer Liste auslassen, die haben – zumindest auf den ersten Blick - nichts von ihrer Faszination verloren.

Was die Treppen angeht, müssen die Brüder Grimm ein echtes Trauma erlebt haben. Nicht nur der in der Liste zitierte Ausspruch, man müsse „seine Beine rühren“, ist überliefert, sondern auch der Satz „Ich glaube, es sind mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern. In ein Haus geht man gar zum Dache hinein“. Der ist übrigens auf den Stufen der Ludwig-Bickell-Treppe zum Schloss hinauf zu lesen – ein wunderbarer Grund, um stehen zu bleiben und so zu tun, als würde man über die Worte sinnieren, obwohl man nur verzweifelt nach Luft schnappt und dies zu verbergen versucht. Ob es den Märchensammlern wohl ähnlich ging?

von Nadja Schwarzwäller

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