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Ein Volk von Philosophen sollt ihr sein ... die man nur vom Namen her kennt

Zehn Marburger...

... die man nur vom Namen her kennt

Überprüfen wir doch mal, was uns zu den Namen der zehn Berühmtheiten unserer aktuellen Liste einfällt. Wer jetzt zugeben muss: nicht allzu viel, der befindet sich in bester Gesellschaft. OP-Autorin Nadja Schwarzwäller macht Mut zur Wissenslücke.

Hermann Jacobsohn war Sprachwissenschaftler an der Philipps-Universität. Als er 1933 wegen seines jüdischen Glaubens Berufsverbot erhielt, beging er Selbstmord. Erst seit wenigen Jahren ist eine Straße in Marburg nach ihm benannt, passenderweise ist dort der Deutsche Sprachatlas angesiedelt.

© Nora Goldschmidt

Spielen wir doch eine Runde freies Assoziieren. Georg Gassmann? Stadion. Regen. (Nur weil es „assoziieren“ heißt, muss es nicht zwangsläufig intellektuelle Höhenflüge produzieren. Meistens, wenn ich im Stadion bin, regnet es eben. Punkt.) Paul Natorp. Straße. Und als Bushaltestelle in meiner persönlichen „mind map“ gespeichert. Aber wer war der Mann noch gleich? Philosoph, na prima, da wird er meinen Einstieg ja lieben... Erwin Piscator. Stadthalle. Theater. Viel mehr kommt da nicht bei mir. Es fängt an, peinlich zu werden. Philipp Scheidemann. Politik. Aber was um Himmels Willen ist in Marburg nach dem benannt? Nichts, er ist einfach nur berühmt und hat immerhin acht Jahre in Marburg gearbeitet, von 1888 bis 1895.

An dieser Stelle gebe ich es lieber auf. Bevor mit Gustav Heinemann der nächste Politiker kommt, zu dem mir nichts einfällt. Ubbelohde und die Brüder Grimm zusammenzubringen ist keine allzu große Kunst und Hermann Jacobsohn kennt man nur, wenn man Germanistik studiert hat. Aber es verblüfft mich, zu sehen, wie wenig ich über einige der Menschen weiß, die in dieser Stadt gelebt haben. Zwei Ausnahmen gibt es: Bettina von Arnim und Adolf Reichwein. Was bei letzterem daran liegt, dass ich eine Schule besucht habe, die seinen Namen trug. Bei uns war es ein Gymnasium. Und die Haupt- und Realschule auf der anderen Straßenseite hieß praktischerweise gleich auch so. Jede Stadt hat irgendwie einen Reichwein, oder? Egal ob Schule oder Straße. Wo wir gerade bei Schulen sind: Kann mir eigentlich irgendjemand erklären, warum ich auch nach Jahren noch permanent die Marburger Brüder-Grimm- und Geschwister-Scholl-Schule miteinander verwechsele?

Kommen wir zu einer meiner speziellen Freundinnen. Bettina von Arnim. Autorin. Eigenwillig. Engagiert. Anlässlich ihres 150. Todestages im vergangenen Jahr war eine Ausstellung über sie im Marburger Haus der Romantik zu sehen, und davon sind mir wundersamerweise viele Details im Gedächtnis geblieben. In dem Teil, der für punktuelles Blenderwissen reserviert ist, Sie wissen schon. Genauso wie man mich nachts wecken kann und ich spucke auf Zuruf den Deutschen Fußballmeister von 1908/09 aus („Phönix Karlsruhe“!) oder die Übersetzung des längsten Ortsnamens der Welt (damit will ich Sie jetzt nicht langweilen). Genauso rattere ich bei Bedarf auch herunter, dass Bettina auch „Bettine“ genannt wurde, eigentlich aber Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano hieß und sieben Kinder hatte, von denen es einen Freimund, einen Siegmund, einen Friedmund und einen Kühnemund gab. Ich hab’s mit Namen. Das aktiviert offenbar sofort die Skurril-Taste und speichert automatisch. Voilà.

Darüber hinaus hat mir Bettina aber schlicht imponiert. „Ich selber zu bleiben, das sei meines Lebens Gewinn“ – diese Haltung nenne ich Rückgrat. Und das war für eine Frau, die 1785 geboren wurde, wahrscheinlich alles andere als populär. Apropos: Bettina ist die einzige Frau in unserer Liste. Repräsentativ, wie ich fürchte. Popularität war allzu lange Männersache – Oberhäupter, Dichter, Denker, Forscher und so weiter. Da haben wir es inzwischen immerhin ein kleines bisschen weiter gebracht. Immer mehr Frauen regieren, dichten, denken, forschen und stehen in der Öffentlichkeit. In Marburg haben wir mittlerweile sogar eine weibliche Uni-Präsidentin. Die auch noch Katharina heißt – der zweite Vorname von Bettina, falls Sie es schon wieder vergessen haben sollten. „Alles Tolle, was sich nur erdenken lässt, ja, das war sie“, hat jemand über meine Dichterfreundin im Geiste geschrieben. Wenn das mal ein Kerl von mir behaupten würde.

von Nadja Schwarzwäller

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Fast wäre gleich zu Beginn alles schief gegangen. Und OP-Autorin Nadja Schwarzwäller gar nicht in Marburg geblieben. Glücklicherweise fanden sich nach einem markanten Punkt unserer Liste aber noch genügend andere Orte, die sie überzeugten.

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