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Wenn studieren nicht selbstverständlich ist

Initiative "Arbeiterkind" Wenn studieren nicht selbstverständlich ist

Der Bildungserfolg eines Menschen hängt in Deutschland stark von seiner sozialen Herkunft ab. Die Initiative „Arbeiterkinder“ ermutigt Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien zum Studium und unterstützt sie dabei.

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Niclas Brünjes (28), Ahron Vorlauf (26) und Carolin Göpfert (32) haben beim Marburger Stammtisch der Initiative „Arbeiterkind“ viel Hilfe erfahren.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Hierzulande nehmen von 100 Akademikerkindern 77 ein Studium auf. Von 100 Nicht-Akademikerkindern sind es gerade mal 23 – und das, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen. Dies geht aus den Ergebnissen der aktuellen 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hervor.

Die finanzielle Belastung ist dabei nur einer von vielen Gründen, die diese Abiturienten von einem Studium abhalten. „Meine Mutter ist Floristin und mein Vater war Industriemechaniker – beides Ausbildungsberufe. Sie kamen einfach gar nicht auf die Idee, dass ich nach der Schule, statt eine Ausbildung zu machen, auch studieren könnte“, berichtet Carolin Göpfert (32).

"Ich hatte das Gefühl, dass es mit meiner Herkunft zusammenhängt"

Sie ist mit ihren drei Geschwistern in einer Hochhaussiedlung in Würzburg-Heuchelhof aufgewachsen, einem sozialen Brennpunkt. Nach ihrem Hauptschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Mit ihrem
Berufsabschluss erhielt sie die mittlere Reife, mit der sie eine Berufsoberschule besuchte und ihr Abitur nachholte. Danach fing sie ein Marketing-Studium an, brach dieses jedoch wieder ab und nahm an einer Fern­uni ein Studium in Kulturwissenschaften auf.

Doch die Probleme blieben. „Es fiel mir sehr schwer, wissenschaftlich zu arbeiten und mich selbst zu organisieren. Ich hatte das Gefühl, dass es mit meiner Herkunft zusammenhängt.“ Sie recherchierte im Internet und stieß auf die Homepage von Arbeiterkind, eine gemeinnützige Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil der Arbeiterkinder an den Hochschulen zu erhöhen und sie auf dem Weg zu ihrem Studienabschluss zu unterstützen. Bundesweit gibt es über 6 000 Mentoren in 75 lokalen Gruppen.

In Marburg, wo sie ihr kulturwissenschaftliches Studium fortführte, besuchte sie zum ersten Mal den Stammtisch der „Arbeiterkinder“. Dort fand sie schnell Anschluss und eine Mentorin, die ihr half, Lerntechniken zu entwickeln und sich wissenschaftlich auszudrücken, indem sie ihre Hausarbeiten gegenlas und ihr Tipps gab.

Arbeiterkinder haben oft einen längeren Bildungsweg

Inzwischen steht Carolin kurz vor ihrem Masterabschluss und ist selber Mentorin. „Ich bin in viele Fettnäpfchen getreten, was mich viel Zeit und Geld gekostet hat. Ich will das, was ich auf dem Weg gelernt habe, weitergeben. “
Ihr „Mentee“ ist Ahron Vorlauf (26). Wie sie hat auch er einen langen Bildungsweg hinter sich. „Das ist generell typisch  für uns Arbeiterkinder“, scherzt er. Geboren mit einem Herzfehler musste Ahron wegen der vielen Operationen das Gymnasium nach der fünften Klasse verlassen.

Nach einer Ausbildung zum Orthopädieschuhtechniker und schließlich zum Bürokaufmann, holte er an den Kaufmännischen Schulen Marburg (KSM) sein Abitur nach. „Ganz unten anfangen und dann mal gucken, wie weit ich komme – das war meine Strategie.“ Inzwischen studiert er BWL, für ihn „eine logische Folge“ – und doch keine Selbstverständlichkeit:  „Es ist eine Ehre zu studieren.“ Das sieht auch Carolin so: „Ich war am Anfang echt eingeschüchtert davon, wie selbstverständlich für manche das Studium war – für mich war und ist es immer noch eine Sensation.“

Auch für Niclas Brünjes (28) ist Studieren nichts Selbstverständliches. Der gelernte Heilerziehungspfleger hatte seinen Traum, Medizin zu studieren, schon fast aufgegeben, weil er „nur“ einen Realschulabschluss hatte.

„Das kann noch nicht alles gewesen sein“

Doch über eine Weiterbildung zum Wohngruppenleiter erhielt er einen Meistertitel, der seit 2009 zu einem Hochschulstudium berechtigt. Daraufhin bewarb sich der Niedersachse auf einen Studienplatz für Medizin. Im Herbst 2014 kam schließlich die Zusage aus Marburg. „Meine Motivation war nicht das Geld, das ich einmal als Arzt verdienen werde, sondern eher das Gefühl: Das kann noch nicht alles gewesen sein, da geht noch mehr.“

Der Arbeiterkind-Stammtisch in Marburg, den aktuell 12 Studenten besuchen, trifft sich jeden ersten und dritten Mittwoch um 20 Uhr im Café Memba. Neben dem Erfahrungsaustausch spielen Finanzierungsmöglichkeiten, Sozialberatung und Bewerbungen für den Beruf oder Stipendien eine große Rolle. „Wir helfen uns gegenseitig“, so Carolin.

von Ruth Korte

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