Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Wissenschaftler und Familienmensch mit Leib und Seele

Professor Eckart Conze Wissenschaftler und Familienmensch mit Leib und Seele

Auf seiner Visitenkarte stehen nicht einfach nur sein Name und seine Kontaktdaten. Nein, ganz oben, da steht „Philipps-Universität Marburg, seit 1527“. Professor Dr. Eckart Conze lehrt am Seminar für Neuere Geschichte.

Voriger Artikel
Der Körper zensiert nicht
Nächster Artikel
Forscher streben Design von Zellen an

Professor Eckart Conze verbindet auch im Foto Alt und Neu: Vor dem historischen Hintergrund der Schloss-Silhouette steht Conze in seinem Büro in der PhilFak, einem Betonbau aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Der Zusatz "seit 1527" kommt nicht von ungefähr. Der Mann ist Historiker und es lässt sich schon an diesem scheinbar unscheinbaren Detail erkennen, worauf sein Augenmerk liegt: „an der Gewordenheit der Gegenwart“, wie er es selber formuliert. 2002 bekam er den Ruf, 2003 nahm er die Professur für Neuere und Neueste Geschichte an der Philipps-Universität an – einer Universität, deren Gegenwart eine lange Zeit des Werdens hinter sich hat. Schrittweise habe er sich davor von seinem Geburtsort Coburg in Oberfranken in die weitere Welt hinaus bewegt, erklärt Professor Dr. Eckart Conze: Erlangen, Köln, Bonn und London waren die Stationen seines Studiums, bevor er zwei Jahre lang bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, einem außen- und sicherheitspolitischen Beratungsinstitut der Bundesregierung, tätig war. In Erlangen hat er dann promoviert und sich in Tübingen habilitiert, danach folgten Gastprofessuren und Forschungsstipendien im Ausland, unter anderem in Toronto und Bologna.

Auch heute noch zieht es ihn immer wieder ins Ausland – um die Perspektive zu verändern und einen neuen Blick auf die Dinge zu bekommen. „Das halte ich für jeden Wissenschaftler für sehr wichtig“, sagt Conze. Mit seiner Familie – seiner Frau Vanessa und den drei Kindern Mathilde, Leo und Hugo – hat er zuletzt ein Jahr in Cambridge verbracht und nach einem nächsten möglichen Ziel halte er schon immer wieder einmal Ausschau. Dass die Familie eingebunden ist, hat für Eckart Conze oberste Priorität: „Mein Leben besteht nicht nur aus Wissenschaft“, betont der 47-Jährige. „Ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftler und ich bin mit Leib und Seele Familienmensch.“ Die Kinder sind drei, sechs und neun Jahre alt und Ehefrau Vanessa, ebenfalls Historikerin, arbeitet an der Universität Gießen. Dieses Wissenschaftler- und Familienleben muss gut organisiert werden. Und Conze plant den nächsten beruflichen Besuch in Wiesbaden oder Berlin ebenso gewissenhaft wie einen Ausflug in den Zoo, wo der sechsjährige Leo unbedingt Erdmännchen sehen möchte.

Sein Interesse an der Geschichte sei schon in der Schule geweckt worden, erläutert Professor Conze. Heute ist insbesondere der Grenzbereich zwischen Zeitgeschichte und Gegenwart sein Spezialgebiet. Hier hat er sich zum Beispiel als Autor des Buchs „Die Suche nach Sicherheit“, einer Geschichte der Bundesrepublik, und als Mitglied der „Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amts“ einen Namen gemacht. Zuletzt wurde er einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als sein Buch "Das Amt - und die Vergangenheit" vor einigen Monaten erschien.

Knapp zwei Dutzend weitere Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Gremien und Herausgebertätigkeiten zieren seine Vita. Was ihn bei so viel Popularität und Internationalität im beschaulichen Marburg hält? „Man darf nicht glauben, dass das hier das Zentrum der Welt ist, aber man kann sich vor hier aus sehr gut mit der Welt und ihren Fragen und Problemen beschäftigen“, antwortet Eckart Conze. Mit der Familie sei er gut in der Stadt beziehungsweise in Michelbach, wo die fünf wohnen, angekommen. Und an seinem Fachbereich schätzt er besonders, wie gut die Kollegen miteinander im Gespräch seien.

Ein gutes und persönliches Verhältnis sowie intensive Kommunikationsstrukturen, darauf legt Conze nach eigener Aussage wert. Diese Strukturen mussten entwickelt und müssen gepflegt werden, so der Professor. Dazu gehört auch die Tipp-Gemeinschaft des Oberseminars, die zu allen Fußball-Großereignissen in Aktion tritt (und bei der Conze zur Weltmeisterschaft 2010 nicht wie sonst, in seinem Fach glänzte, sondern abgeschlagen auf Platz 16 landete und das aber nahezu klaglos verschmerzen kann). „Hier promoviert keiner so einfach vor sich hin“, betont er. Als Lehrender sieht er sich nicht nur als jemand, der Wissen vermittelt: „Von den Ideen, vom Sachverstand und von den Kompetenzen der Studenten profitiere auch ich ganz ungemein“. Dass das Studium der Geschichte eine „brotlose Kunst“ ist, das glaubt Conze nicht. „Es sind expandierende Bereiche“, sagt er von den Möglichkeiten - egal, ob es das Lehramt oder Jobs im Archiv- und Verlagswesen oder im Kulturmanagement sind.

Wer Geschichte studiere, der müsse sich indes für den Menschen in all seinen Facetten interessieren. „Es geht nicht um anonyme Strukturen und Prozesse, es geht letztlich immer um den Menschen“, um sein individuelles und kollektives Handeln. Und der Mensch sei nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern habe eine aktive Rolle innerhalb dieser Verhältnisse. Was er seinen Studenten – und auch der Öffentlichkeit – zu vermitteln versuche, sei die Erkenntnis: „Die Verhältnisse sind veränderbar und sie verändern sich ständig; nichts muss so sein, wie es heute ist“. Dass das Interesse an der Geschichte derzeit wieder zunimmt, hat für Professor Conze mit genau dieser Erkenntnis zu tun. „Aus Veränderungen und der Wahrnehmung dieser Veränderung resultiert auch Verunsicherung“, sagt er. Der Wandel in unserer Welt habe sich beschleunigt und damit erhöhe sich das Bedürfnis nach Orientierung – und genau die biete der Blick in die Geschichte. Die ist für ihn nicht, oder doch zumindest nicht nur – das ferne Mittelalter oder die Zeit vergangener Kriege, sondern sie reicht für ihn „bis zum gestrigen Tag und bis heute“.

Wie Deutschland mit seiner besonderen Geschichte umgehe, das sei übrigens im Ausland heute noch immer eine ganz wichtige Frage. Noch immer liege ein kritischer Blick auf dem Land, aber man rechne der Bundesrepublik ihren eigenen kritischen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit hoch an, so Professor Conze. Der nächste Blick, den er selbst auf sein Land werfen wird, könnte der über den großen Teich hinweg sein – Nordamerika ist eines der Ziele, die ihn für mögliche kommende Auslandsaufenthalte reizen würden, wie er verrät. Auch privat reist er gerne und da ist der Mittelmeerraum mit seinen vielfältigen Kultur- und Natur-Landschaften der Favorit für ihn und seine Familie. Ohne die wird weder eine berufliche Ortsveränderung noch eine Urlaubsreise geplant. Rucksacktouren allein durch Kambodscha – das war einmal. Heute müssen Kinder und Kegel eingepackt werden. Und der nächste Urlaub führt als Kurztrip dann eben Leos Wunsch gemäß in den Zoo – Erdmännchen anschauen.

von Nadja Schwarzwäller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
"Unsere profs": Physikerin Kerstin Volz

Seit 2009 ist Kerstin Volz Professorin an der Marburger Uni. Ihre Begeisterung für Physik ist ansteckend, ihr Lächeln auch.

mehr
Instagram