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Unsere Wissenschaftler Walter Benjamin steht im Fokus
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10:29 20.10.2010
Professor Heinrich Kaulen (rechts) und seine Mitarbeiterin Sigrun Galter studieren eine Benjamin-Handschrift. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg. In literaturwissenschaftlicher Kleinarbeit haben die Forscher Professor Heinrich Kaulen und Sigrun Galter sowie studentische Mitarbeiter in den vergangenen fünf Jahren den Nachlass von Walter Benjamin (1892 bis 1940) durchforstet, der unter anderem wegen seines Aufsatzes „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ zu den wichtigsten kunstsoziologischen und geschichtsphilosophischen Denkern des 20. Jahrhunderts gezählt wird.

Dabei stießen sie im Benjamin-Archiv sowie in Bibliotheken auf der ganzen Welt auf eine Fülle von durch die Forschung bisher nicht erschlossenen Materialien. „Dazu gehören mehr als 200 Seiten Benjamin-Texte: es sind meist unpublizierte Aufzeichnungen und Vorarbeiten zu Literaturkritiken und Essays“, erklärt der Germanistik-Professor Kaulen.

Ein aufsehenerregender Fund gelang der zu Kaulens Arbeitsgruppe gehörenden Doktorandin Anne-Sophie Kahnt, die in einer Berliner Bibliothek eine in der Fachwelt bisher völlig unbekannten Buchbesprechung aus Benjamins Feder entdeckte.

Die an der Marburger Universität von Kaulen koordinierten Arbeiten sind Teil eines von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur unterstützten Editionsprojektes der „Kritiken und Rezensionen“ Benjamins.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen ab Frühjahr 2011 in zwei Bänden innerhalb der im Suhrkamp-Verlag erscheinenden Historisch-Kritischen Werkausgabe vorliegen.

Zur Person:

Professor Heinrich Kaulen wurde 1953 in Krefeld geboren. Er absolvierte ein Studium der Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Sozialwissenschaften an der Universität Bonn. Seine Promotion befasste sich mit Walter Benjamin unter dem Titel "Rettung und Destruktion. Untersuchungen zur Hermeneutik Walter Benjamins". Danach war Kaulen zunächst Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Bonn. Ab 1989 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter, Hochschulassistent und Hochschuldozent an der Universität Hannover. Es folgten Vertretungen von Professuren in Essen, Bielefeld und Hannover. Seit dem Sommersemester 2005 ist Kaulen Professor für Neuere Deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der deuschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert sowie die Literaturheorie und die Werke von Walter Benjamin.

Zum Projekt:

Die Erforschung der Manuskripte von Walter Benjamin bedeutet wissenschaftliche Kärrnerarbeit, die die Arbeitsgruppe des Marburger Literaturwissenschaftlers Professor Heinrich Kaulen bereits seit fünf Jahren unternimmt.

Allein die Entzifferung der handschriftlich verfassten Manuskripte von Walter Benjamin ist fast schon eine Wissenschaft für sich. "Für die Entzifferung einer DIN-A4-Seite benötigt auch ein geübter Benjamin-Leser fast einen Tag", erklärt Sigrun Galter, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Kaulen an der Marburger Universität.

In den Benjamin-Archiven in Frankfurt und Berlin sichteten Kaulen und seine Arbeitsgruppe ungefähr 12 000 Manuskript-Blätter bei ihrer Suche nach einer vollständigen Bestandsaufnahme der Rezensionen des Autors. "Das war deswegen notwendig, weil sich der Benjamin-Nachlass in einem zum Teil unerschlossenen Zustand befindet", macht Kaulen deutlich.

Erschwert werde die systematische Aufarbeitung zusätzlich dadurch, dass Benjamin die Rückseiten der Blätter aus Spargründen mit anderen Texten beschrieben hat. Zudem gehören zu den Schriften Benjamins, die erforscht werden, auch Notizbücher. Teilweise sind die zu sichernden Texte auch Fragmente oder Vorstudien zu späteren Rezensionen. Das Benjamin-Archiv in Berlin hilft bei der Arbeit, zum Beispiel wurden dort die meisten Texte eingescannt.

von Manfred Hitzeroth

Mehr zu diesem Thema lesen Sie am Mittwoch in der Printausgabe der OP.

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