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Von Frühchen, Fröhlichkeit und Forschung

Professor Rolf Maier Von Frühchen, Fröhlichkeit und Forschung

„Es ist ein sehr ernsthafter Beruf, aber er braucht auch eine große Portion Fröhlichkeit“, sagt Professor Dr. Rolf F. Maier, der Direktor der Kinderklinik, über seinen Beruf – den des Kinderarztes.

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Neonatologe mit Leidenschaft: Professor Rolf Maier mit einem seiner kleinen Patienten in der Kinderklinik.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Dankeschön“ steht auf einer der Karten, die im Flur der neonatologischen Intensivstation hängen. Schlicht und ergreifend. Auf dem Foto strahlt ein properes Baby mit seinen Eltern um die Wette. Rolf Maier lächelt im Vorbeigehen. „Toll, oder?“, fragt er und erzählt: Noch wenige Wochen zuvor war nicht klar, ob das damals winzige Frühchen überleben würde und, wenn ja, mit welchen Beeinträchtigungen. Aber alles ist gut gegangen. Nun kann die Familie zuhause das erhoffte Baby-Glück endlich doch noch genießen.

Der 56-jährige Rolf Maier ist seit 2002 Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Marburger Uniklinikum. Dort ist er sowohl in der Behandlung der kleinen Patienten wie auch in Forschung und Lehre tätig. Jeder der Bereiche ist für Maier eine Herzenssache, sagt er. Und worüber er sich am meisten freut, das sind die „Happy Ends“ in seinem Spezialgebiet, der Neonatologie.

Nicht alle Geschichten auf der Station haben ein solches Happy-End. Aber umso mehr ist das Team aus Pflegekräften und Ärzten bemüht, zu kämpfen. Allerdings nicht um jeden Preis: „Nicht immer ist es ethisch zu vertreten, alle theoretischen Möglichkeiten, die man hätte, auszuschöpfen“, sagt Professor Maier.

Manchmal seien es sehr schwere Entscheidungen, die man zu treffen habe, insbesondere bei Frühgeborenen. Das setze voraus, hohe ethische Ansprüche an sich selbst zu stellen. Dennoch: Kinderarzt zu sein, das ist für Rolf Maier nach eigenem Bekunden „wunderbar“. Unter anderem deshalb, weil es keine dankbareren Patienten gibt, erklärt der Mediziner: „Kinder sind nicht nachtragend, selbst wenn man ihnen manchmal Schmerzen zufügen muss“. Geduld und Einfühlungsvermögen seien wichtig für einen guten Kinderarzt. Und das nicht nur, was die kleinen Patienten, sondern auch, was deren Eltern angeht. Mit jedem muss auf Augenhöhe kommuniziert werden. „Kinder spüren sofort, wenn man nicht ehrlich mit ihnen ist“, betont Maier. Die besondere Herausforderung seines Fachs ist die Bandbreite: Vom Frühgeborenen bis zum Teenager ist jede Altersstufe vertreten.

Dass er sich einmal auf die Neonatologie – also die Behandlung von Früh- und kranken Neugeborenen – spezialisieren würde, habe sich schon früh abgezeichnet, erzählt Professor Maier. „Das ist mein Schwerpunkt und meine Leidenschaft.“ Aus diesem Grund ist er nach Stationen in Ulm, Aalen und Stuttgart nach Berlin gegangen, ans „Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich“, wie es einmal hieß. Duplizität der Ereignisse: In Berlin hat er sowohl die Fusion zweier Großkliniken wie auch den Neubau der Kinderklinik erlebt, genau wie er es dann hier in Marburg erleben sollte. 1989 ist er in der heutigen Hauptstadt Zeuge des Mauerfalls gewesen – und selbst mit Hammer und Meißel zugange. Nach Marburg kam er 2002, damals noch als zweiter Direktor neben Professor Hannsjörg Seyberth, dessen alleiniger Nachfolger er nun seit 2005 ist.

Rolf Maier stammt aus einem 800-Seelen-Dorf am Fuß der schwäbischen Alb. Ein Dorf, das Jahrhunderte ein ruhiges Dasein fristete, wie Maier scherzt, bis – nein, nicht bis Rolf Maier ein berühmter Neonatologe wurde (er ist Autor des Standardwerks zur Kinderintensivmedizin, das „Kochbuch“ des Fachs, wie er es selbst nennt), sondern Mario Gomez ein berühmter Fußballer. Rolf Maiers Schwester und Mario Gomez Mutter drückten gemeinsam die Schulbank und selbstverständlich ist Maier ein bekennender Fan. Von Gomez und dem VfB Stuttgart. Wenn er selbst Sport treibt, läuft der Mediziner gern. Ansonsten gehört die Freizeit vor allem der Familie. Maier ist selbst Vater von zwei Kindern, 11 und 17 Jahre alt. Mit seiner Frau geht er regelmäßig ins Theater und ein Opernliebhaber ist Maier ebenfalls.

In der Lehre geht es ihm um viel mehr als Vermittlung von medizinischem Wissen. „Ich unterrichte gern“, sagt Maier. Dies sei einer der Gründe für die Entscheidung gewesen, an einer Universitätsklinik zu arbeiten. In seine Vorlesungen bringt er immer auch Patienten mit – „weil ich der festen Überzeugung bin, dass jedes Wissen, das die Studenten mit einem Menschen in Verbindung bringen können, viel besser haften bleibt“, so Maier. Jedes Semester bietet er eine freiwillige Veranstaltung an, die das so genannte „problemorientierte Lernen“ zum Ziel hat: Die Studenten arbeiten in einer kleinen Gruppe und stellen und erarbeiten sich ihre Lernziele selbst. Der Lerneffekt sei bedeutend größer.

Im Bereich der Forschung hat die Marburger Kinderklinik drei Schwerpunkte: die Nephrologie, die Allergologie und die Neonatologie, Maiers Fachgebiet. Hier untersucht er mit seinen Mitarbeitern zum Einen die Mechanismen, die zu Gehirnschäden bei Frühgeborenen führen. So wie jeder Erwachsene sehr sensibel auf eine Unterversorgung mit Sauerstoff reagiert, so reagieren „Frühchen“ auf eine Überversorgung. Im Mutterleib herrscht Sauerstoffmangel und wenn ein Baby zu früh zur Welt kommt, dann bedeutet das ein zu viel an Sauerstoff, erläutert Professor Maier. Ein zweiter Forschungsschwerpunkt ist ein von der EU gefördertes Projekt, das über fünf Jahre untersuchen soll, was aus den ganz kleinen Frühgeborenen wird. 18 Regionen in 12 europäischen Ländern nehmen teil und Professor Maier hat die Leitung der beiden deutschen Regionen (Hessen und Saarland). Ziel des Projekts ist es, aus den unterschiedlichen Versorgungssituationen zu schlussfolgern, unter welchen Bedingungen künftig noch mehr Kinder noch besser überleben können. Damit auch die Station in Marburg noch viele Babies strahlen sieht.

von Nadja Schwarzwäller

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