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Viren als hochinteressante Maschinen

Professor Stephan Becker Viren als hochinteressante Maschinen

Wer sich den Direktor des Instituts für Virologie in einem monströsen Raumanzug wie in „Outbreak“ vorstellt, dürfte von der Wirklichkeit auf den Marburger Lahnbergen herbe enttäuscht sein.

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„Die Wissenschaft kommt oft zu kurz“:Professor Stephan Becker hat neben den organisatorischen Aufgaben als Institutsleiter nur noch selten Zeit fürs Labor.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Professor Stephan Becker sitzt in ganz normaler Kleidung in einem ganz normalen Büro. „Die Realität ist sehr viel unspektakulärer als sich viele das vorstellen“, sagt der Virologe. Nicht, dass es die monströsen „Vollschutzanzüge“, die man aus Hollywood-Filmen kennt, nicht auch in Marburg gäbe. Aber in deren Nähe, in die Labors, kommt Professor Becker nur noch selten. „Die Wissenschaft kommt oft zu kurz“, so Becker.

Seine Aufgabe sei es, alles zu organisieren. Er koordiniert. Er strickt an Netzwerken. Er schreibt Anträge, damit die Forschung finanziert werden kann. Und natürlich lehrt er auch. Sein Ziel dabei: den Studenten die Faszination seiner Wissenschaft näherzubringen. Worin die für ihn besteht, erklärt der Professor so: „Viren sind hochinteressante Maschinen – sie schaffen es, jede Zelle umzuprogrammieren und den komplexen Mechanismus unseres Körpers komplett für ihre Zwecke zu nutzen“.

Insbesondere die so genannten „hochpathogenen“ Viren wie Ebola oder das Marburg-Virus haben ihn schon früh beschäftigt und seitdem nicht mehr losgelassen, sagt der Wissenschaftler. Zunächst hatte Becker allerdings einen etwas anderen Karriereweg eingeschlagen: den des Apothekers. Nach dem Pharmazie-Studium in Marburg und dem ersten Jahr in einer Apotheke aber sehnte er sich wieder nach der Forschung. Als Post-Doc kam er zurück an die Marburger Uni, unter dem damaligen Leiter der Virologie, Professor Hans-Dieter Klenk.

Bevor Becker im Dezember 2007 zu Klenks Nachfolger wurde, war er zwischenzeitlich am Robert-Koch-Institut tätig und mitverantwortlich für die Planung des neuen Labors, das derzeit in Berlin gebaut wird. Mit seiner Rückkehr nach Marburg wurde er dann hier zum „Herrn der Viren“ – ebenfalls in einem Neubau und in Deutschlands modernstem BSL4-Hochsicherheits-Labor. Seitdem habe das Institut sein „Portfolio“ an Viren ausgebaut, erklärt Professor Becker. Marburg ist Teil des Kompetenzzentrums für importierte hochkontagiöse, lebensbedrohliche Krankheiten in Frankfurt und auch Konsiliarlabor der Bundesrepublik für Filoviren. Becker war maßgeblich an der Identifizierung des SARS-Virus und an der Entwicklung des Impfstoffes gegen die Schweinegrippe beteiligt.

Bei Impfstoffen gehe es darum, die Zeit bis zur tatsächlichen Zulassung, die im Schnitt zehn Jahre dauern könne, im Bedarfsfall radikal zu verkürzen – und gleichzeitig trotzdem die Sicherheit des Impfstoffs zu gewährleisten, sagt der Wissenschaftler. Die Gefahr von hochpathogenen Viren liege nicht darin, dass sie besonders ansteckend wären, sondern darin, dass die meisten Patienten nach einer Ansteckung daran sterben, erläutert Becker. Das Problem dabei: die unkontrollierte Immunantwort, mit der unser Abwehrsystem auf die unbekannten Eindringlinge reagiert.

Die Frage für die Forscher sei, wie man rechtzeitig in diesen Prozess eingreifen könne – entweder, indem das Virus unschädlich gemacht oder die Immunabwehr „auf die richtige Spur gebracht“ wird. Sowohl das Know-how von Ärzten und Pflegenden wie auch die Information der Bürger spielt für Becker eine wesentliche Rolle. „Bei dem, was wir hier machen, ist eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung nötig“, erklärt Becker. Die sieht er in Marburg gegeben. Hier lebt er außerdem gern mit seiner Familie – auch und besonders wegen der kurzen Wege.

Als Ausgleich zur Wissenschaft joggt er dreimal pro Woche und bekommt dabei „gut den Kopf frei“. Als Lehrender versuche er, seine Vorlesungen als „Appetizer“ für die Virologie zu gestalten und Studierende für das Fach zu begeistern. Jedem seiner Doktoranden gibt Professor Becker übrigens Folgendes mit auf den Weg: Das, was er tue, das müsse er auch seiner Großmutter erklären können.

von Nadja Schwarzwäller

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