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Universalgelehrter im 21. Jahrhundert

Indologie Universalgelehrter im 21. Jahrhundert

Indologen befassen sich mit der Kultur, Geschichte und Gesellschaft Indiens, eines Landes mit mehr als einer Milliarde Einwohner. Vielleicht sind sie die letzten Universalgelehrten im Universitätsbetrieb.

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Professor Jürgen Hanneder arbeitet auch an der Edition von Sanskrit-Handschriften.

Quelle: Gabriele Neumann

Marburg. So groß das Land, so klein das Fach. Die Indologie in Marburg hat eine einzige Professur, und dass es das Fach überhaupt noch gibt, grenzt schon ein bisschen an den Glauben ans gute Karma. Denn vor einigen Jahren war das traditionsreiche Fach schon fast geschlossen - bis es eine Sonderfinanzierung direkt vom hessischen Wissenschaftsministerium gab. Seit dreieinhalb Jahren hat Jürgen Hanneder die Indologie-Professur in Marburg inne, und zur Antrittsvorlesung befasste er sich gleich einmal mit 100 Jahren Geschichte. Sein Buch zur Vorlesung trägt den Titel „Marburger Indologie im Umbruch - Zur Geschichte des Fachs von 1845 bis 1945“. Die Zeit des Nationalsozialismus hat Hanneder bewusst nicht ausgespart, zeigt sie doch, wie sich Wissenschaftler auch in kleinen Fächern vor mancherlei ideologischen Karren spannen ließen.

Die Bedrohung des eigenen Fachs spielte dabei sicher eine Rolle - und Hanneder konstatiert, dass die Existenzangst bei kleinen Fächern eher die Regel als die Ausnahme ist. Dabei hat die Indologie im 19. Jahrhundert einen überaus populären Begründer. August Wilhelm Schlegel, dem größeren Publikum als Shakespeare-Übersetzer bekannt, begründete das Fach, in dem es eigentlich um die vorurteilsfreie Erforschung einer fremden Kultur gehen sollte.

Deutsch ist bis heute die Wissenschaftssprache der Indologen. Deutsche Indologen waren im 19. Jahrhundert ein echter Exportschlager, denn ihr wissenschaftliches Interesse wurde nicht von kolonialem Interesse überlagert, wie man es Engländern oft unterstellte. Dass sich Deutsch bis heute als internationale Wissenschaftssprache in der Indologie gehalten hat, liegt laut Hanneder auch daran, dass das beste Wörterbuch zum Fach eben „Sanskrit - Deutsch“ und nicht „Sanskrit - Englisch“ ist. Hanneder sagt: „Ohne Deutsch ist man immer in Gefahr, etwas zu entdecken, was schon entdeckt wurde.“ Denn es gibt eine große Fülle an Texten aus unterschiedlichen Zeiten und Regionen.

Dass man heute noch von indogermanischen Sprachen spricht, spricht sicher für die historische Bedeutung des Fachs für die Sprachwissenschaft. Die gemeinsamen sprachlichen Wurzeln von Deutsch, Latein und Sanskrit haben aber für Indologen in der Praxis heute wenig Auswirkung. Zwar sind Indogermanistik und Indologie eng verbunden, doch geht der Forschungsgegenstand der Indologie über die Sprachwissenschaft weit hinaus. Gesellschaft, Kultur, Religion, Geschichte - und das über eine Region, die zu den am dichtesten bevölkerten der Welt zählt, das ist ein Spektrum, das ein normales Fach sprengen würde. Aber die Indologie ist kein normales Fach. Man könnte Indologen mit Fug und Recht als die letzten Universalgelehrten des 21. Jahrhunderts bezeichnen.

Doch das will ein Forscher wie Hanneder nicht hören. Ganz bescheiden erklärt er, man habe sich in Marburg auf das Herausgeben von Sanskrit-Texten aus unterschiedlichen Zeiten spezialisiert. Dabei geht es nur um Erst-Editionen versteht sich. Zurzeit arbeitet er etwa an einer Handschrift aus dem 16. Jahrhundert mit Gedichten aus Kaschmir. Für den Forscher ist dabei nicht nur die Übersetzung wichtig, sondern auch die Diskussion der Inhalte. Was sagen diese Texte über die Zeit ihrer Entstehung aus, über die Gesellschaft und Kultur ihrer Zeit? Um das beurteilen zu können, müssen Indologen viel Hintergrundwissen über Indien mitbringen. Jürgen Hanneder bringt dieses Wissen mit. Der 47-jährige gebürtige Münchner kennt Marburg schon aus seiner Promotionszeit und kam 2008 an die Lahn zurück, längere Aufenthalte in Oxford, Bonn, Halle und eine Vertretungsprofessur in Freiburg lagen dazwischen.

Für das Fach wünscht er sich weiter ein gutes Karma - oder im Zweifelsfall beherztes Eingreifen von Shiva.

von Gabriele Neumann

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