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Schwenk von Astrophysik zur Antike

Diego De Brasi Schwenk von Astrophysik zur Antike

Die Sehnsucht nach dem Unbekannten ist die Triebfeder für Diego De Brasis Forschung. Aktuell sucht der Gräzist das Unbekannte im antiken Menschenbild.

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Diego De Brasi an seinem Arbeitsplatz: Zwischen dem Lesepult für die alten Texte und dem Rechner hat er fürs Foto die Playmobil-Galeere platziert.

Quelle: Gabriele Neumann

Marburg. Die Playmobil-Galeere ist ein echter Blickfang in Diego De Brasis schlichtem Büro im fünften Stock des Phil-Fak-Turms D. Und sie gibt sachdienliche Hinweise auf die Tätigkeit des Forschers, der hier seit Oktober arbeitet.

Wie ein Galeeren-Sklave fühlt sich der 30-Jährige natürlich nicht, aber sein Forschungsgebiet führt auch in die Zeit des römischen Reiches zurück. Lateinische und griechische Texte der Spätantike bilden die Grundlage für seine Erforschung des Menschenbildes in der Antike. Das Habilitationsprojekt führte den gebürtigen Turiner von Bamberg nach Marburg. In Bamberg promovierte De Brasi als Stipendiat nach dem bayrischen Elitegesetz über das „Spartabild bei Platon“.

Seit vier Jahren lebt De Brasi in Deutschland, etwa genau so lange lernt er Deutsch, das er inzwischen fließend spricht. „Ich unterrichte ja auch, da muss man die Sprache schon einigermaßen beherrschen“, sagt er bescheiden.

Auch die alten Sprachen, Latein und Griechisch muss er beherrschen, um Texte im Original lesen und interpretieren zu können. Die antike Philosophie beschäftige sich viel mit der Physis des Menschen, aber eben auch mit der Seele, dem „Unbekannten, das in uns liegt“, erklärt De Brasi. Die Sehnsucht nach dem Unbekannten hätte De Brasi fast in ein ganz anderes Forschungsgebiet geführt. „Nach der Schule wollte ich eigentlich Astrophysik studieren“, erzählt er.

In der langen Schlange vor dem Einschreibungsbüro der Turiner Universität entschied er sich um und schrieb sich für klassische Philologie ein. Für De Brasi kein so großer Unterschied: „Um das Unbekannte geht es ja in beiden Fächern, im einen Fall halt in der Ferne und im anderen im Menschen selbst“.

In den nächsten Jahren wird er erforschen, wie Texte aus dem 3. und 4. Jahrhundert das Menschenbild an ihre Leser vermitteln. Dabei geht es auch um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Menschenbild der antiken Philosophie und dem Menschenbild in der Schöpfungsgeschichte der Bibel. „Kirchenväter des 3. und 4. Jahrhunderts nach Christus versuchten, diese beiden Dinge zusammenzubringen“, erklärt De Brasi.

Welche rhetorischen Mittel wendeten sie dabei an, um philosophisch vorgebildete Leser zu informieren? Und welche Inhalte vermitteln sie? So interpretieren einige Kirchenväter in Anlehnung an die Schöpfungsgeschichte die Symmetrie der Organe als Zeichen der gottgewollten Schönheit und Zweckmäßigkeit des menschlichen Körpers.

Verbreitet ist in der Antike auch die Vorstellung, dass der Körper nur eine Hülle für die Seele ist, die dem Körper eingehaucht wird. Aber grundsätzlich geht es auch darum, ob das menschliche im Menschen nur in der Seele oder auch im Körper zu finden ist.
Betrachtet man die Lebensumstände in der Antike, hat sich vieles verändert.

Betrachtet man die Inhalte der Texte, zeigt sich, dass sich die Psychologie des Menschen kaum verändert hat, sagt der klassische Philologe De Brasi und zitiert den Schriftsteller Italo Calvino und dessen Definitionen eines „Klassikers“: „Wenn wir uns mit griechischen Texten beschäftigen, sehen wir, dass sie uns immer etwas zu sagen haben. Sie setzen die Aktualität in den Rang eines Hintergrundgeräusches, wobei sie auf dieses nicht verzichten können. Gleichzeitig bleiben sie als Hintergrundgeräusch auch dort, wo die mit ihnen absolut unvereinbare Aktualität herrscht.“

Dass viele antike Texte noch in die Gegenwart hineinwirken, zeigt De Brasi an einem Beispiel: Der platonische Gedanke, Politik solle sich am Allgemeingut und nicht an Privatinteressen orientieren, prägt bis heute das soziale Bewusstsein der Menschen.

von Gabriele Neumann

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