Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Unsere Wissenschaftler Forschung für die Menschlichkeit
UNIversum Unsere Wissenschaftler Forschung für die Menschlichkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:58 11.12.2011
Jura-Professor Christoph Safferling an seinem Schreibtisch im Savigny-Haus in der Universitätsstraße. Quelle: Gabriele Neumann
Anzeige

Marburg. Der Titel der Ringvorlesung klingt vergleichsweise harmlos. „Die Praxis des Völkerstrafrechts in Deutschland“. Doch der Inhalt lässt Grausamkeiten erahnen, die sich die meisten Menschen in Deutschland nicht vorstellen.

Es geht um Fälle wie den von Onesphore R., der zurzeit vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verhandelt wird. Dem 53-jährigen Ruander wird vorgeworfen, 1994 an Kirchenmassakern in Ruanda beteiligt gewesen zu sein.

In der Ringvorlesung wird auch R.s Verteidigerin zu Wort kommen, auch Vertreter des Bundeskriminalamtes und der Bundeswehr sowie anderer Gruppen, die mit dem internationalen Völkerstrafrecht zu tun haben, sind in der Ringvorlesung mit Referenten vertreten. Der Fall R. ist auch deshalb besonders, weil Marburger Jura-Studierende den Prozess in Frankfurt beobachten und dokumentieren.

„Die grundsätzliche Idee solcher Monitoring-Projekte ist, die Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens zu protokollieren“, erklärt Safferling. In Frankfurt stellt sich aber ein anderes Problem: „Die deutsche Strafprozessordnung von 1877 ist auf solche Verfahren nicht eingestellt. Wir wollen langfristig Erkenntnisse darüber bekommen, wie man die Strafprozessordnung anpassen kann und die Studierenden sollen einen Einblick in die Strafprozesspraxis bekommen“, sagt Safferling.

Seit August 2007 ist er Strafrechts-Professor an der Philipps-Universität. Das „ganz normale Strafrecht“ mache etwa 80 Prozent seiner Lehrtätigkeit aus, das internationale Strafrecht etwa 20 Prozent. In der Forschung befasst sich der 40-Jährige mit dem internationalen Prozessrecht, dazu hat er jüngst ein großes Lehrbuch unter dem Titel „Internationales Strafrecht“ publiziert.

Gemeinsam mit dem Historiker Professor Eckart Conze leitet Safferling als stellvertretender geschäftsführender Direktor das interdisziplinäre Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse, in dem unter anderem Dokumente vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg bis zum Khmer-Rouge-Tribunal gesammelt werden.

Im Oktober organisierte das Forschungszentrum gemeinsam mit dem Zentrum für Konfliktforschung die Konferenz „Victims of International Crimes“, eine Konferenz, die erstmals die Beteiligung von Opfern an den Aufarbeitungsprozessen in den Mittelpunkt stellte.

Das klingt nach viel Arbeit – ist es auch. Freizeit? Kennt der gebürtige Unterfranke mehr vom Hörensagen. Am Wochenende pendelt er nach Erlangen zu seiner Familie. „Auf der vierstündigen Zugfahrt kann man gut arbeiten“, sagt Safferling, und fügt schmunzelnd hinzu: „Und man kann sich nicht ablenken“.

Am Wochenende „muss die Arbeit ruhen“, denn Safferling hat eine zweijährige Tochter und einen vierjährigen Sohn. Für Hobbys bleibt da keine Zeit, gelegentlich spiele er noch sonntags Orgel in der Kirche, fügt er nachdenklich an. Dabei wollte der Abiturient Safferling seinerzeit Musik studieren, und entschied sich „mehr aus Verlegenheit“ fürs Jura-Studium. Bereut hat er die Entscheidung nicht. „Ob ich als Berufsmusiker gut genug gewesen wäre, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, weiß ich nicht“, sagt er.

Nach Studienstationen in München und London (Master of Laws an der London School of Economics) führte sein beruflicher Weg Safferling über Erlangen nach Marburg, an eine Traditions-Universität, „deren Namen jeder kennt“, und an einen Fachbereich, an dem er sich wohlfühlt. „Man geht freundschaftlich und unterstützend miteinander um, und die Studenten und Mitarbeiter sind sehr motiviert. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, betont der 40-Jährige.

von Gabriele Neumann

Anzeige