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Der Körper zensiert nicht

Dozentin Benajir Wolf Der Körper zensiert nicht

Körper und Seele hängen eng zusammen. Das ist nicht neu. Neu ist aber ein Studienschwerpunkt, der diese Erkenntnis schon im Namen trägt. Seit dem Wintersemester gibt es an der Philipps-Universität den Schwerpunkt Körperpsychotherapie. Dr. Benajir Wolf leitet den kleinen Studiengang innerhalb der Motologie.

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Benajir Wolf unterrichtet Körperpsychotherapie in der Motologie der Philipps-Universität.

Quelle: Gabriele Neumann

Marburg . "Wenn der Mensch nicht spricht, dann spricht der Körper", sagt Dr. Benajir Wolf. So erklärt die Wissenschaftlerin eine wichtige Erkenntnis der Körperspychotherapie. Ein Beispiel: Jemand sagt im Gespräch, er akzeptiere seine aktuelle Situation, schüttelt aber dabei unwillkürlich mit dem Kopf. So deutlich ist die Lage nicht immer. Undeutlich ist bisher auch die Verortung der Körperpsychotherapie, einer Form der Psychotherapie, in der der Körper eine wichtige Rolle spielt.

"Wenn man redet, kann man mehr selektieren. Der Körper dagegen erzählt eine eigene Geschichte, die man nicht zensieren kann", erklärt Wolf. Seit dem Wintersemester gibt es an der Philipps-Universität den ersten Master-Studiengang mit Wahlschwerpunkt Körperpsychotherapie in Europa. Damit will Wolf einen Beitrag dazu leisten, die Methode akademisch zu etablieren. "Die Körperpsychotherapie" gebe es nicht, betont die 45-Jährige, vielmehr eine Körperpsychotherapeuten eher eine gewisse Siedlermentalität. "Die Therapieform wird tendenziell ausgegrenzt, deshalb tun sich verschiedene Richtungen zusammen, um dem äußeren Druck standzuhalten", erklärt sie lächelnd. Angewendet wird die Methode unterdessen zunehmend, vor allem in psychosomatischen Kliniken. Mit der Kombination von tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie und Bewegung wollen die Therapeuten bei den Patienten einen Affekt hervorrufen. "Das Durchleben des Gefühls führt zur Befreiung", formuliert Wolf das Ziel.

Die Patienten, zum Beispiel Migräne-Patienten, Menschen mit Essstörungen oder Schmerzstörungen, seien oft in einer rein verbalen Therapie nicht weitergekommen und suchten deshalb Hilfe bei einer körperorientierten Therapie, sagt die Wahl-Marburgerin. Eine direkte Konkurrenz zu anderen Therapieformen sieht sie nicht, aus einem einfachen Grund: "Die Körperpsychotherapie ist außerhalb der Kliniken kein kassenzugelassenes Verfahren."

Ob das Verfahren von anderen belächelt wird oder in die Selbsterfahrungsecke geschoben wird, interessiert die ausgebildete Diplom-Sportlehrerin nicht. Vielleicht auch deshalb, weil sie zwölf Jahre US-Erfahrung im Fach mitbringt. In Kalifornien studierte sie in den 90er Jahren Körperpsychotherapie und arbeitete an der Universität sowie in freier Praxis, bevor sie mit ihrer Tochter 2004 wieder zurück nach Deutschland kam. In den USA ist die Körperpsychotherapie nicht zuletzt wegen ihres nicht unumstrittenen Gründers Wilhelm Reich wesentlich besser etabliert als in Deutschland.Auch die kalifornische Hippiebewegung trug dazu bei.

Eine Motivation Wolfs, einen Studienschwerpunkt zu etablieren, war auch die "Leibfeindlichkeit" der Wissenschaft. "Die Körperarbeit wird in Kliniken oft relativ weit unten in der Behandlung angesiedelt, auch in der Hierarchie der Behandelnden", sagt sie. An Universitäten sei das innere Körpererleben oft zweitrangig, weil es im Gegensatz zum "äußeren" Körper nicht messbar ist. Dass es offenbar Bedarf an akademischer Ausbildung gibt, zeigen die Einschreibungszahlen. Im Wintersemester 2010/2011 war der Studienschwerpunkt mit 22 Studierenden sofort ausgebucht. Vielleicht auch, weil die Motologen wissen, dass in dem kleinen Institut die persönliche Betreuung und die Persönlichkeitsbildung im Studium wichtig sind. Professor Jürgen Seewald habe die Gründung des Studienschwerpunkts sehr unterstützt. "Wir betreiben keine Bildungsbulimie", erklärt Wolf. Das Wissen sei vielmehr die Grundlage für die Bildung. "Wir wollen Wissen einleiben mit Hilfe von persönlicher Erfahrung. Wir geben uns nicht der Illusion von objektiver Wissenschaft hin", sagt sie. Selbsterfahrung spielt übrigens auch im Studium der Körperspsychotherapie eine große Rolle. Denn viele Situationen könne man besser beurteilen, wenn man sie selbst durchlebt habe. "Außerdem verliert man die Angst vor dem Überraschungspotenzial des Körpers", fügt sie hinzu.

Das Ziel für die Patienten sei natürlich die Heilung der Krankheit, sagt Wolf. Ziel des Studienschwerpunkts ist auch die wissenschaftliche Etablierung der Körperpsychotherapie. Dass eine solche Etablierung gelingen kann, hat die Motologie in Marburg schon bewiesen. Der Studiengang wurde 1983 als Aufbaustudiengang gegründet und ist inzwischen ein bundesweit anerkannter Masterstudiengang. Vor allem Psychomotorik stand bisher im Vordergrund. Dazu kommt jetzt die Körperpsychotherapie, die im Gegensatz zur vorwiegend auf Kinder ausgerichteten psychomotorischen Behandlung auf die Arbeit mit Jugendlichen oder Erwachsenen in psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken abzielt.

von Gabriele Neumann

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