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Das kleine Glück im hohen Alter

Studie Das kleine Glück im hohen Alter

Ist gutes Leben im hohen Alter möglich? Diese Frage erforschen Marburger Kulturwissenschaftler in einem von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojekt.

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„Kleine Glücksmomente im Alter“: Kartenspiel in der Wolffschen Stiftung mit Aurelie Sattler, Elli Flinzner und Susanne Grimm (hinten), Edith Schulz (vorne), Margarete Hergenröder und Irmgard Kirchner (links).

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Weisheit oder geistiger Niedergang, Einsicht oder Demenz, Vollendung oder Verfall: Zwischen diesen Polen schwankt die öffentliche Wahrnehmung des Alters, erläutert der Kulturwissenschaftler Welf-Gerrit Otto. Immer mehr Menschen werden immer älter und fitter. 80-Jährige, die noch Marathon laufen, sind längst nicht mehr die Ausnahme. Andererseits haben auch Alterskrankheiten wie die Alzheimer-Erkrankung Hochkonjunktur und die Angst vor dem allmählichen Verfall der geistigen und körperlichen Fähigkeiten im hohen Alter nimmt zu.

Vor diesem Hintergrund untersuchen Marburger Kulturwissenschaftler unter Leitung von Professor Harm-Peer Zimmermann zusammen mit Gerontologen aus Heidelberg und Philosophen aus Dresden die Frage, ob auch im hohen Alter, das früher als Greisenalter bezeichnet wurde, noch ein gutes Leben möglich ist.

Auseinandersetzung mit Alter oft oberflächlich
„Wir wollen auch ein Gegenwicht gegen die in der Öffentlichkeit vorherrschende Meinung setzen, dass das hohe Alter nur mit Gebrechlichkeit und dem Dahinsiechen im Altersheim zu tun hat“, erläutert Zimmermannn. Die Marburger Forscher stellen in dem drei Jahre laufenden Forschungsprojekt die Frage, ob es auch ein anderes Modell der Hochaltrigkeit gibt.

Gebrechlich, hinfällig, leidend - mit Hilfe solcher Begriffsketten wird häufig ein angsterregendes Bild der Situation von Menschen im hohen Alter gezeichnet. „Obwohl das gesellschaftliche Bewusstsein für den demografischen Wandel geschärft ist, bleibt die Auseinandersetzung mit der hochaltrigen Lebensphase oft eindimensional und oberflächlich“, meint Zimmermann. Er fragt, ob das hohe Alter somit einen Widerspruch zu einem gutem und erfüllenden Leben darstellt.

„Das Alter kann auch schrecklich sein“, betont Zimmermann, der nicht die mit dem Alter verbundenen gesundheitlichen Probleme negieren will.

„Doch andererseits bietet es den Menschen auch die Chance, die Augen für die guten Dinge und die kleinen Glücksmomente im Leben zu öffnen“, macht der Kulturwissenschaftler in einem ersten Zwischenfazit der noch nicht beendeten Studie klar. Es gehe dabei darum, dass man sich natürlich nicht permanent gut fühlen könne. Die Frage nach dem Glück werde aber bei den über 80-Jährigen anders gestellt. Glück könne eben auch bedeuten, ein angenehmes Gespräch zu führen, sich auf den Besuch der Enkelkinder zu freuen.

Die ersten Ergebnisse der Marburger Forscher flossen auch in den sechsten Altersbericht der Bundesregierung ein, für den Harm-Peer-Zimmermann einen Teilbericht verfasst hat, in dem es um Altersbilder im historischen und kulturellen Vergleich geht.

Zur Person
Professor Harm-Peer Zimmermann (53) stammt aus Husum (Nordfriesland), wo er 1976 Abitur machte. 1976 begann er sein Studium der Volkskunde, Geschichte, Soziologie und Philosophie an der Universität in Kiel. Dort promovierte er 1988 mit einer Dissertation über die Kriegervereine in Schleswig-Holstein 1864 bis 1914. Nach seiner Habilitation in Kiel 1997 mit der Arbeit „Romantische Ästhetik und ihre Bedeutung für die Volkskunde“ wurde er 1997 Professor für Volkskunde an der Universität Freiburg. Seit 1999 ist er Professor und Direktor am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Marburger Universität. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Erzählforschung sowie in der Erforschung von sozialen Fragen (Armut, Alter).

von Manfred Hitzeroth

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