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Unsere Wissenschaftler Das Patent als Ansporn oder Bremse
UNIversum Unsere Wissenschaftler Das Patent als Ansporn oder Bremse
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12:12 01.01.2012
Topfpflanzen zieren ihr Büro, doch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit befasst sich Kristina Bette mit landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Quelle: Sabine Nagel-Horn
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Marburg. Die Möglichkeit, sich die Rechte an einer neu gezüchteten Pflanze schützen zu lassen, gibt es in Deutschland bereits seit den 50er Jahren. In die öffentliche Wahrnehmung gelangten geistige Eigentumsrechte an biotechnologischen Entwicklungen allerdings erst mit der Gentechnik-Diskussion. „Aber Biotechnologie bedeutet nicht zwangsläufig Genmanipulation“, sagt Diplom-Kauffrau Kristina Bette. Auch konventionelle Züchtungen durch Kreuzen verschiedener Sorten seien in ihrer Entwicklung sehr zeit- und kapitalintensiv und daher mitunter durchaus schützenswert.

Welche Pflanzen oder Eigenschaften in welchem Land patentiert oder unter Sortenschutz gestellt werden können, darüber können Juristen ausdauernd streiten. „Aber das Thema ist viel zu wichtig, als dass man es den Juristen allein überlassen sollte“, sagt Kristina Bette. Schließlich gehe es bei Agrarpflanzen um globale Probleme, um Hunger, Dürre, Überbevölkerung.

So wurde der gebürtigen Sauerländerin bereits während ihres Studiums in Marburg klar: Eine fundierte Analyse muss her, die nachvollziehbar macht, was die Vergabe von geistigen Eigentumsrechten wirtschaftlich bewirkt. Besonders interessieren sie dabei die Auswirkungen auf den Saatgutmarkt, auf die biotechnologische Forschungslandschaft und letztlich auch auf die Sortenvielfalt.

Für ihre Analyse, die sie als Doktorandin in der Abteilung für Technologie- und Innovationsmanagement erstellt, untersucht Kristina Bettedie gewährten Patente, Sortenschutzrechte und Saatgut-Zulassungen in Europa von 1975 bis 2009. Um sich auch der juristischen Seite des Themas anzunähern, verbrachte die Wissenschaftlerin den Sommer 2010 in München, wo sie ein Stipendium des Max-Planck-Instituts für geistiges Eigentumsrecht hatte. „Es ist schon interessant, wie die verschiedenen Wissenschaften ihre ganz eigene Sprache pflegen“, erzählt sie lachend, wenn sie sich an die Gespräche mit den Juristen in München erinnert. „Oft meinte ich genau das gleiche, aber ein Jurist sagt das eben anders, da werden Formulierungen mitunter sehr speziell interpretiert.“

Als Ergebnis ihrer Forschung wären zwei grundverschiedene Erkenntnisse denkbar: Vielleicht ist die Aussicht auf ein Patent für das Resultat jahrelanger Forschungs- oder Zuchtbemühungen ein Ansporn für mehr Forschung, mehr Innovation. Schließlich winkt am Ende ein gesetzlich geschütztes Monopol, mit dem sich die Forschungsinvestitionen refinanzieren lassen. Vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall: Es könnte auch sein, dass Patente die Forschungslandschaft eher blockieren, weil sie die Möglichkeiten einschränken, an bereits patentierten Pflanzen weiter zu forschen.

Was am Ende bei ihrer Analyse herauskommen wird, vermag Kristina Bette noch nicht zu sagen. Ihr ist es wichtig, ihre Untersuchung so offen wie möglich anzugehen und dabei politische und ethische Erwägungen außen vor zu lassen. Ohne unkritisch zu sein: „Auch wenn man streng wirtschaftswissenschaftlich auf das Patentsystem schaut, kann man die Frage stellen, ob das so, wie es ist, sinnvoll ist“, sagt sie.

Dass man ein solches Thema dann aber doch nicht bearbeiten kann, ohne hin und wieder zumindest „außerdienstlich“ auf ethische Fragestellungen zu kommen, findet Bette selbstverständlich. „Natürlich müssen Patente auf Lebensmittel, welche Pflanzen nun mal sind, anders bewertet werden als beispielsweise auf Unterhaltungselektronik“, sagt sie. „Schließlich gibt es kein Grundrecht auf MP3-Player. Ein Grundrecht auf Leben gibt es aber sehr wohl.“

von Sabine Nagel-Horn

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