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Borussia Dortmund und Thilo Sarrazin

Ulrich Wagner Borussia Dortmund und Thilo Sarrazin

„Psychologie ist so müßig wie die Gebrauchsanleitung für Gift“, hat der österreichische Schriftsteller Karl Kraus einmal geschrieben. In Marburg fasziniert die Psychologie in jedem Semester allerdings mehr als 700 Studenten. Seit fast zwanzig Jahren gehört der Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner zu den Lehrenden des Instituts in der Gutenbergstraße.

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Professor Ulrich Wagner lehrt Sozialpsychologie - leer sind die Stühle im Hintergrund nur zwischen den Veranstaltungen. Während des Semesters herrscht reger Andrang.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg . 1951 in Essen geboren, im Ruhrgebiet aufgewachsen, an der Ruhr-Universität Bochum „sozialisiert“, wie er selbst von sich sagt, kam Ulrich Wagner 1993 nach Hessen. Zuvor hatte er ein Jahr an der Universität Konstanz verbracht. Das erste Jahr danach pendelte er ebenfalls noch zurück in die alte Heimat, bis seine Familie nach Marburg nachkam. Auf die Frage, warum er sich für Psychologie begeistert habe und woher die Idee zum Studium kam, antwortet er: „Als ich 1971 Abitur gemacht habe, war eine andere Zeit – eine, in der wir keine Idee hatten, was wir beruflich machen wollten und in der wir keine Idee haben mussten“. Zunächst hat er Physik studiert, zur Psychologie kam er im Nachrückverfahren. Auch den weiteren Weg, nämlich den in sein Fachgebiet Sozialpsychologie, bestimmte der Zufall, wie er sagt. Eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter war frei und er bekam sie. Erst danach habe er seinen Weg dann gezielt verfolgt. Und hat das bis heute keine Sekunde lang bereut, wie er versichert.

Gegenstand der Sozialpsychologie ist die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen des Menschen in seiner sozialen Umgebung. Wie wir miteinander umgehen und wie wir uns gegenseitig beeinflussen, interessiert die Forscher. Was Wagner auch nach fast zwanzig Jahren Lehrtätigkeit an seinem Fach immer wieder fasziniert, ist, dass er sich darin mit aktuellen Fragen befassen kann. „Was die Übertragungs- und die Anwendungsmöglichkeiten angeht, ist die Sozialpsychologie ein sehr dankbares Feld“, erklärt Wagner. Als prominentes Beispiel nennt er die Diskussion um Thilo Sarrazin. Die Wirkung, die die Publikation und auch die Rezeption des Buches auf Einwanderer habe, sei ein sozialpsychologisches Thema. Die Anzahl der Schlaglöcher auf dem Weg zu einer Integration sieht Wagner mit Sarrazin und seinem Buch erhöht – „Der Ausgrenzungsprozess beschleunigt sich“, sagt der Psychologe.

Nicht nur an dieser Stelle hat der Professor eine Meinung. Er ist in der Hochschulpolitik engagiert – unter anderem im Fachbereichsrat, als Sprecher von Hochschullisten und eines Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft (DFG). „Es war ein heißer Sommer“, konstatiert er im Rückblick auf das Sommersemester 2010. Sich gesellschaftlich einzumischen, darin sieht er auch für jeden Studenten eine „Bringschuld“ angesichts der vielen Dinge, die er sich mit seinem Studium aneignen könne: Man erhalte an der Universität ein hohes Maß an Qualifikation, um das Für und Wider von Dingen abzuwägen. Dann dürfe man auch mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg halten. „Die Studenten sollten bereit sein, sich einzubringen“, lautet Wagners Überzeugung. Die Einführung der gestuften Studiengänge und die strikte Reglementierung des Studiums haben indes auch die Studenten verändert, sagt der Professor. Ein unschöner Effekt sei, dass viele nur noch die Veranstaltungen belegen, für die es ECTS-Punkte gibt, und keine freiwilligen Angebote mehr wahrnehmen.

Was ihn an seinem Beruf reizt, ist auch gleichzeitig das, was eine relative Einschränkung für seine Freizeit bedeutet: Dass er sich mit so vielen Feldern beschäftigt. Aber Wagner ist ein Sport-Fan - vor allem Fußball fasziniert ihn.

Warum sollte man sich heute als Student für das Fach Sozialpsychologie entscheiden? „Es ist ein Fach zwischen Wissenschaftsparadigmen – ein ganz spannendes Reibungsverhältnis“, antwortet Ulrich Wagner. Genau dort stehe das Fach, insbesondere, wenn man es so betreibe wie in Marburg. Sowohl der Einfluss der Sozialwissenschaften als auch das mathematische Vorgehen der Naturwissenschaften prägen die Sozialpsychologie. Außerdem seien die Berufschancen in der Psychologie allgemein derzeit ausgezeichnet, ergänzt der Professor. Und für die Übertragung eines Fachbegriffs ins ganz Alltägliche sorgt Wagner schließlich auch noch, indem er auf das Thema Fußball zurückkommt: Er selbst ist nämlich Anhänger von Borussia Dortmund, hat aber einen Kollegen in der Arbeitsgruppe, der Schalke-Fan ist. Und schon wären wir bei „Inter-Gruppen-Konflikten“. Par excellence.

von Nadja Schwarzwäller

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