Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Uni und Stadt Schulkinder haben weniger Karies
UNIversum Uni und Stadt Schulkinder haben weniger Karies
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:30 18.11.2010
So macht die zahnärztliche Untersuchung noch mehr Spaß: Die Kinder „untersuchen“ Zahnärztin Krista Weber. Quelle: Privatfoto

Marburg. „Selektive Intensivprophylaxe“ (SIP): So nennt sich das Vorbeugungsprogramm für eine bessere Zahngesundheit, dessen Effektivität jetzt in einem Forschungsprojekt untersucht wurde, das der Zahnmediziner Professor Klaus Pieper und die Psychologin Dr. Jutta Margraf-Stiksrud geleitet haben. Für die mit 300.000 Euro vom Bundesforschungsministerium geförderte Studie wurden rund 3.000 Schulkinder in ersten, vierten und sechsten Klassen untersucht. Überprüft werden sollte, ob das SIP die Gesundheit der Zähne verbessert hat und ob die Kinder und deren Eltern danach ein besseres Mundhygieneverhalten und Gesundheitswissen sowie weniger Angst vor der Zahnbehandlung hatten.

Die Studie bestätigt den Erfolg des Präventionsprogramms, das seit dem Jahr 2000 Bestandteil des „Marburger Modells“ ist. „Die Schüler aus der Region Marburg-Biedenkopf wiesen nur halb so viel Karies-Schäden auf wie die Schüler der Vergleichsregion“, erläutert Professor Pieper. „Viel effektiver kann man ein solches Gruppenprogramm nur mit einem viel höheren finanziellen Aufwand gestalten“, meint der Forscher. Als besonders wirksam für die Kariesreduzierung sieht Pieper die regelmäßige Behandlung der Schüler mit einem zahnhärtenden Fluoridlack an.

Ebenso erfolgreich sei das Programm dabei gewesen, die Angst der Schüler vor einem Besuch beim Zahnarzt zu verringern. Defizite gebe es jedoch auch nach der Teilnahme der Schüler an dem Zahngesundheits-Unterricht in den Sparten Mundhygiene und Gesundheitswissen. „Deshalb sollten Familien in sozial schwierigen Lagen zusätzlich noch aufsuchend betreut werden“, schlägt Pieper vor.

Bis in die 1980-er Jahre hinein wurde auf die zahnmedizinische Gesundheitsvorsorge im Kindesalter in Deutschland kein so großes Gewicht gelegt wie in Skandinavien oder der Schweiz. „Erst allmählich erkannte auch in Deutschland der Gesetzgeber, wie wichtig vorbeugende Programme für gesunde Zähne von Kindern und Jugendlichen sind“, erklärt Pieper. Im Jahr 1989 wurde eine Finanzierung von Gruppen-Präventionsprogrammen durch die Krankenkassen geregelt.

Besonders gezielt sollen sich diese Vorbeugeprogramme an Kinder aus sozial schwachen Familien richten, die laut der Forschung ein höheres Kariesrisiko aufweisen. Einmal pro Halbjahr untersuchen im Auftrag des Landkreises Marburg-Biedenkopf Zahnärzte die Schulkinder in sozialen Brennpunkt-Schulen im Kreis. Viermal im Jahr putzen die Schüler im Klassenzimmer gemeinsam und unter Anleitung ihre Zähne nach der „KAI“-Methode, bei der die Kauflächen, die Außenseiten und die Innenseiten der Zähne systematisch gereinigt werden. Zweimal im Jahr bekommen die Schüler ein zahnbezogenes Aufklärungsthema jeweils zehn Minuten lang in einem Vortrag kindgerecht vorgestellt.

Zudem bekommen die Schüler viermal im Jahr einen Fluoridlack auf die Zähne aufgetragen. Professor Klaus Pieper, der Experte für die Kinderzahnheilkunde in der Uni-Zahnklinik, hofft, dass die Ergebnisse der Studie dazu beitragen können, die hohen finanziellen Aufwendungen für die zahnmedizinische Prophylaxe effektiver einzusetzen.

von Manfred Hitzeroth