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Ukrainische Russin in Marburg

„In Deutschland fühle ich mich frei“

Karina Kiyanova kommt aus der größten Stadt Europas, aus Moskau. In Marburg schreibt die junge Literaturwissenschaftlerin nun an ihrer Abschlussarbeit und findet es hier „gemütlich“.
Karina Kiyanova findet in Russland „manches gut, vieles schlimm“ und schaut mit Sorge in ihre Heimat Donezk in der ukrainischen Konfliktregion. Foto: Thorsten Richter

Karina Kiyanova findet in Russland „manches gut, vieles schlimm“ und schaut mit Sorge in ihre Heimat Donezk in der ukrainischen Konfliktregion.

© Thorsten Richter

Marburg. „Hier wohnte der Luther. Die Brüder Grimm – dort. Die Gräber. Die Bäume. Die Klauen der Ziegel. Sie streben dahin“ – diese Zeilen gehen Karina Kiyanova durch den Kopf, als sie sich vor drei Monaten im Flugzeug nach Deutschland befindet. Das Gedicht „Marburg“ des russischen Dichters und Schriftstellers Boris Pasternak („Doktor Schiwago“) musste sie in der Schule auswendig lernen. Wer hätte gedacht, dass es sie sieben Jahre später in genau diese Stadt verschlägt? „Das nenne ich Schicksal“, sagt Karina heute.

Eigentlich studiert Karina an der Lomonossow-Universität, die mit 40 000 eingeschriebenen Studenten die größte Universität Russlands ist. Eineinhalb Stunden braucht sie normalerweise um zu ihren Kursen zu gelangen. In Marburg sind es nur 15 Minuten. „Ich finde Marburg gemütlich“, antwortet die Literaturwissenschaftlerin auf die Frage hin, wie ihr in Marburg gefalle. „Hier kann ich mich ausruhen und viel lesen. In Moskau ist alles viel größer und schneller.“ Wird die Sehnsucht nach einer Großstadt doch zu groß, setzt sie sich in den Zug nach Frankfurt. Aber auch die Hessenmetropole ist für die Moskauerin „eigentlich nicht besonders groß“.

Karina studiert Westeuropäische Literaturen und Sprachen mit Deutsch als erster Fremdsprache. „Ich interessiere mich sehr für deutsche Kultur und Geschichte.“ Ein besonderes historisches Ereignis – die Wiedervereinigung – hat sie sich zum Thema ihrer Diplomarbeit gemacht, die sie nun in Marburg schreibt, „um meine Sprache zu verfeinern“.

Familie lebt im Krisengebiet

Hier hat sie bereits „viele nette Leute aus der ganzen Welt kennengelernt“: USA, Kanada, Italien, Syrien, China, Irak. Zu deutschen Studenten hat sie jedoch wenig Kontakt, was eindeutig nicht an ihren Sprachkenntnissen liegt. Sie liest viel. Deutsche Romane, Zeitungen. Die deutsche Sprache hat es ihr angetan.

Geboren wurde die heute 23-Jährige in Donezk, die Stadt, die viele nur aus den Nachrichten kennen. In der ostukrainischen Konfliktregion leisten sich pro-russische Separatisten und ukrainische Truppen seit Monaten schwere Gefechte. Ein Krieg, der auch Karinas Leben betrifft. In der Ukraine lebt noch ein Teil ihrer Familie, deren Häuser während des Krieges teilweise völlig zerstört wurden.

Für Karina jedoch gibt es keinen Unterschied zwischen den Ukrainern und Russen. „Wir sind ein Volk“, sagt die seit dem vierten Lebensjahr in Russland lebende Studentin. Sie weiß: „Manches ist gut in Russland. Vieles ist schlimm.“ Dennoch will sie nicht, „dass Russland von Europa isoliert wird“.

Im Februar wird Karina an die Lomonossow-Universität zurückkehren. Vermissen wird sie ihre in Deutschland gewonnenen Freunde, aber auch die Freiheit, die sie hier erfahren hat. „Es geht nicht um demokratische Freiheit, oder dass ich mich hier als Frau freier auf der Straße bewegen kann“, erklärt sie. „Ich meine die moralische und die mentale Freiheit. Ich fühle mich hier wie ein Mensch.“

Der Druck, den die russische Regierung mit ihren sozialpolitischen Regeln ausübe, wirke sich stark auf die Gesellschaft aus. Die vielen Aufkleber für Frauennotruf in Marburg, der Umgang mit Homosexuellen, das Thema Gleichberechtigung. Karina hat erfahren: „Hier wird man wird beschützt. Das Gefühl habe ich nicht in Russland.“

von Ruth Korte


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