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Uni und Stadt Gut für Recherche, aber nicht zitierfähig
UNIversum Uni und Stadt Gut für Recherche, aber nicht zitierfähig
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15:35 10.01.2016
Wikipedia statt Bücherstapel: Der kurze Weg erscheint Studenten oft verlockender als aufwändige Recherche. Quelle: Ruth Korte
Marburg

Es klingt so einfach und verlockend: Mal eben schnell zu Wikipedia und fertig ist das Referat? So leicht ist es dann eben doch nicht. In der akademischen Welt gelten Quellenangaben aus der Online-Enzyklopädie als ein „No-Go“. Wer ohne Quellenangabe einfach abschreibt, kann leicht erwischt und von der Universität sanktioniert werden - im schlimmsten Fall droht der Ausschluss vom Studium.

Jedermann kann die Artikel auf der Seite bearbeiten, ohne einen Nachweis entsprechender Sachkenntnis. Wissenschaftlichen Kriterien halten die Texte daher nicht stand. Ein Grund Wikipedia zu dämonisieren ist dies aber nicht, meint Dr. Jürgen Nemitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Philipps-Universität. „Man kann Wikipedia gut nutzen, wenn man weiß, wie man es nutzen muss“, sagt er. Gemeinsam mit seinem Marburger Kollegen Dr. Thomas Wozniak und dem Hamburger Historiker Dr. Uwe Rohwedder hat er kürzlich ein Buch mit dem Titel „Wikipedia und Geschichtswissenschaft“ veröffentlicht.

Qualität der Artikel ist unterschiedlich

„Die Qualität der Artikel auf Wikipedia ist sehr unterschiedlich“, so Nemitz. „Hinzu kommt, dass sie manchmal nicht falsch, aber anders geschrieben sind, als ein Wissenschaftler sie angehen würde“. Trotz des „formalen Problems“, dass die Grundlage für die Artikel nicht auf wissenschaftlichen Standards basiere, sei die Beschäftigung mit den Texten aber mitunter „nutzbringend“. „Das gilt gerade auch für Lehrende, die das Geschriebene besser einordnen können“, sagt er.

Als zitierfähige Quelle taugt das Online-Lexikon auch aus seiner Sicht nicht, nicht nur weil es manchmal Fehler enthält. „Die Bewertung von Ereignissen spiegelt auf Wikipedia eher eine Meinung wider, wie sie die Mehrheit der Bevölkerung betritt“, erläutert Nemitz. Als Beispiel führt Nemitz den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck an. Zu ihm gebe es eine Reihe von Fachbiographien, die wesentlich geeigneter für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung wären, als der Wikipedia-Text, so der Historiker. Wer zu derartigen Themen einen wissenschaftlichen fundierten Aufsatz schreiben könne, „der schreibt meistens woanders als in Wikipedia“. In der Regel gelte zudem: „Je abstrakter ein Thema ist, desto schlechter ist der Text“, denn es gebe immer „Freaks“, die einem Eintrag ihre persönliche Blickrichtung gäben.

Für einen groben Überblick, beziehungsweise eine erste Orientierung sei das interaktive Nachschlagewerk dennoch sehr geeignet. „Das gibt einem manchmal ganz andere Pers­pektiven“, meint Nemitz. Sinnvoll sei in diesem Zusammenhang zudem, die Artikel auch in anderen Spracheversionen zu lesen. Gerade auf Englisch sei das Angebot deutlich größer, da dies die Sprache der internationalen Wissenschaft ist. Hilfreich seien darüber hinaus weiterführende Literaturangaben, die meist unter den Artikeln zu finden sind.

Thomas Wozniak/Jürgen Nemitz/Uwe Rohwedder: Wikipedia und Geschichtswissenschaft. De Gruyter Oldenbourg, 2015, frei zugänglich als E-Book.

von Peter Gassner