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Palästinenserinnen in Marburg

Für den Traum vom Studium ins Ausland

Randa und Rawan sind in einem Land geboren, das seit Jahrzehnten von politischen Konflikten geprägt ist. Im OP-Gespräch erzählen sie, wie es war, im kriegsgezeichneten Israel aufzuwachsen.
Rawan Iraqi (links) und Randa Khatib studieren Medizin in Marburg. Foto: Thorsten Richter

Rawan Iraqi (links) und Randa Khatib studieren Medizin in Marburg. Foto: Thorsten Richter

© Thorsten Richter

Marburg. „Ich bin Palästinenserin, aber ich komme aus Israel“, sagt Rawan Iraqi fast ein bisschen stolz. Nicht selten sorgt dieser Satz der 22-jährigen Araberin für verwirrte Blicke. Palästinenser - in Israel?

Rawan und ihre ein Jahr ältere Cousine Randa Khatib wachsen in Tira, einer arabischen Stadt im Norden Israels, auf. Ihre Familie ist eine der wenigen, die nach dem Palästinakrieg im Jahr 1948 und der darauffolgenden Dreiteilung des Landes in den Staat Israel, das Westjordanland und den Gazastreifen in Israel geblieben ist.

Wie viele der israelischen Staatsbürger arabisch-palästinensischer Herkunft, deren ethnische Identität und kulturelle Sprache Arabisch ist, bezeichnen auch sie sich als Palästinenserinnen.

Rawan und Randa wachsen glücklich und behütet auf. Auseinandersetzungen mit den jüdischen Nachbarn gibt es kaum. Und doch nehmen sie die Ungerechtigkeiten wahr, mit denen ihr Volk in Israel konfrontiert wird.

„Es gibt keine Gleichheit in Israel“, behauptet Randa. Israel sei ein jüdisch-demokratisches, kein arabisch-demokratisches Land. Ihretwegen könne Israel auch ein jüdisch-arabisch-demokratisches Land sein, „Hauptsache, die Ungerechtigkeiten hören auf.“

Rawan und Randa lernen in der Schule ausschließlich jüdische Geschichte und Hebräisch. Das, was sie über ihre Sprache und Kultur wissen, lernen sie von ihrer Familie. Auch die äußerlichen Unterschiede nehmen sie wahr: die saubereren Straßen, die gepflegteren Spielplätze und die vielen Cafés in den jüdischen Nachbarstädten. „Wenn man durch Israel reist, sieht man, ob man sich in einer jüdischen oder arabischen Stadt befindet.“ Als Kinder gehen sie lieber ins jüdische Schwimmbad - „dort war es sauberer“.

„Ich bin nicht die Hamas“

Nach einem Schwimmkurs wird Randa eines Tages von einem hebräischen Mädchen gefragt, ob sie Muslima sei. Als sie dies bejaht, wird sie von dem Mädchen als Terroristin beschimpft, erzählt Randa. „Sie hatte keine andere Wahl: Ihr Vater hatte es ihr so erklärt“, sagt Randa, die jedoch nicht locker ließ und das Gespräch mit ihr suchte. Die Erfahrung, dass viele Halbwahrheiten über ihr Volk und ihre Religion verbreitet werden, macht die gläubige Muslima immer wieder - zuletzt im Juni, als sie bei einer Operation assistiert und vom Oberarzt mit dem jüngsten Gaza-Krieg konfrontiert wird. „Ihr, die Hamas, habt doch angefangen“, sagt er. Wieder muss sich Randa erklären.

„Viele verstehen nicht, dass es um zwei politische Kräfte geht, die sich bekämpfen, nicht um Religion. Ich bin nicht die Hamas.“ Ihre Cousine stimmt ihr zu. Sie habe oft das Gefühl, dass Muslime mit Terroristen gleichgesetzt werden. „Muslime sind keine Terroristen“, betont sie. Natürlich wünschen auch sie sich Frieden und Gerechtigkeit in ihrem Land, aber zuallererst eines, das sie überhaupt ihr Land nennen können. „Man kann nicht etwas als sein Land bezeichnen, wenn die eigenen Leute dort diskriminiert werden“, sagt Randa.

Als Palästinenserinnen hatten die beiden kaum eine Chance, in Israel Medizin zu studieren. Das sei nicht unüblich. Nicht selten würden Palästinensern der Zugang zu Universitäten verweigert, sodass sie sich im Ausland bewerben müssten. Das machen auch die beiden. Randa kommt 2009 nach Deutschland, Rawan ein Jahr später. Die beiden fühlen sich hier sehr wohl. „Uns wird sehr freundlich und mit viel Respekt begegnet“, sagt Rawan.

In Deutschland zu bleiben, ist für die beiden angehenden Ärztinnen kein Thema. „In ein anderes Land auszuwandern würde bedeuten, unser Land zu verraten, für das schon unsere Großeltern gekämpft haben“. Sie wollen nach dem Studium nach Israel zurückkehren - nicht nur wegen ihrer Familien. „In dieser Situation ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen, zurückzukehren und damit zu signalisieren, ich bleibe hier - egal wie gern ihr mich aus dem Land haben wollt“, so Randa.

von Ruth Korte

[Peter Gassner]

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