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Stenografie

Entdeckungen mühsam entziffert

Manchmal kann das Durchforsten alter Schränke doch ganz sinnvoll sein. Das dachten sich auch die Mitarbeiterinnen der Emil-von-Behring-Bibliothek an der Philipps-Universität in Marburg und machten dabei einen interessanten Fund.
Die stenografischen Notizen von Anatomie-Professor Emil Gasser (1847-1919).

Die stenografischen Notizen von Anatomie-Professor Emil Gasser (1847-1919).

© Thorsten Richter

Marburg. Die Mitarbeiterinnen der Emil-von-Behring-Bibliothek (Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin) gingen kürzlich in ihrem Archiv auf Entdeckungstour und stießen dabei auf den Nachlass des Mediziners und Anatomieprofessors Emil Gasser (1847-1919). Er war nach seiner Habilitation zunächst Assistent in Marburg, wechselte danach an die Universität Bern und kehrte 1887 dann wieder an die Philipps-Universität zurück.

Unterschiedliche Kurzschrift-Systeme

Das Problem war allerdings, dass niemand die Schriften seines Nachlasses entziffern konnte, da Gasser in Kurzschrift schrieb. Genauer gesagt schrieb er in der Gabelsberger-Kurzschrift, die eine der wichtigsten Stenoschriften im 19. Jahrhundert war. Übersetzt hat die Schriften schließlich Claudia Lingelbach. Sie arbeitet als Sekretärin im Vorzimmer der Präsidentin der Philipps-Universität Marburg und ist im Vorstand des Marburger Steno­grafenvereins. Sie berichtet, dass es bis vor etwa zehn Jahren noch eine Selbstverständlichkeit in der Ausbildung zur Sekretärin war, die Kurzschrift (Stenografie) zu erlernen. Allerdings ist Kurzschrift nicht gleich Kurzschrift.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts kristallisierte sich zwar ein einheitliches deutsches Kurzschrift-System, die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK), heraus. Allerdings hielten sich davor im deutschen Sprachraum sehr verschiedene Kurzschrift-Systeme, manche sprechen gar von 600 Systemen. Sie wurden teilweise auch miteinander kombiniert. Kein Wunder also, dass man ältere Schriftstücke in Kurzschrift nicht unbedingt ohne weiteres entziffern kann, nur weil man die Einheitskurzschrift beherrscht. Dass es mit Fleiß, Talent und akribischer Arbeit dennoch möglich ist, bewies allerdings Claudia Lingelbach, als sie die Anfrage zur Übertragung erhielt.

Sie arbeitete sich am Wochenende in mühevoller Kleinarbeit in das Gabelsberger-System ein, das zwar eng verwandt mit der heutigen Einheitskurzschrift ist, jedoch immer noch große Unterschiede aufweist. Aufgrund seiner Kürze, die durch die Verschmelzung von Schriftzeichen und das Weglassen von Wortteilen erreicht wird, birgt das System immer wieder die Gefahr von Missverständnissen und Fehlern. Immer noch seien viele Fragezeichen bei der Übersetzung der Texte vorhanden, so Lingelbach. Der Inhalt sei jedoch aus dem Kontext zu erschließen. Dies bestätigt auch Frau Dr. Kornelia Grundmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Emil-von-Behring-Bibliothek, die an der Auswertung der übersetzten Ergebnisse beteiligt ist.

Reisen in die deutschen Kolonien

Mittlerweile nimmt man an, dass der stenografische Nachlass von Gasser überwiegend aus Vorläufern zu späteren Veröffentlichungen bestand. Er betätigte sich vor allem in der Entwicklungsbiologie und später in der Anatomie des Menschen. In seinen Schriften finden sich unter anderem Beobachtungen zur Entwicklung von Vogeleiern, die er untersucht hatte. Mit seinem Kollegen Hans Strahl baute er eine Sammlung von menschlichen und tierischen Schnitten auf, die heute im Museum Anatomicum der Universität zu finden ist. Auch durchaus Kurioses findet sich in seinen Schriften, etwa die Beschreibung eines „Negertanzes“. Heute vermutet man, dies sei womöglich ein geschichtliches Zeugnis dafür, dass Gasser deutsche Kolonien bereist haben könnte.

Wer selber im Besitz stenografischer Schriften ist oder solche in persönlichen Nachlässen findet, kann sich übrigens an den Marburger Stenografenverein wenden. Der Verein bietet gerne Hilfe bei der Identifizierung des Kurzschriftsystems und der Übertragung an oder kann Kontakte zu Experten vermitteln.

Hintergrund: Stenografie

Die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) ist die heute gängige und gültige Kurzschrift im deutschsprachigen Raum. Vor 1924 gab es vor allem zwei zentrale Kurzschrift-Systeme: „Gabelsberger“ und „Stolze-Schrey“.

Franz Xaver Gabelsberger (1789-1849) gilt als der Begründer der Kurzschrift. Viele der anderen Systeme basierten auf seinem. Er kombinierte vor allem Buchstaben miteinander zu neuen Zeichen (etwa Doppelkonsonanten). Vokale werden meist mit dem nachfolgenden Konsonanten verschmolzen oder gar ganz weggelassen.

von Nicolas Niebling

[Peter Gassner]

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