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Der Professor wird zum Begleiter

E-Learning Der Professor wird zum Begleiter

Werden Professoren im digitalen Zeitalter zunehmend überflüssig? Nein, sagt Professor Dr. Jürgen Handke. Aber ihre Rolle werde in Zukunft eine andere sein.

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Quelle: Illustration: Vera Zimmermann

Marburg. Tablet-PC statt Buch, Youtube-Video statt Vortrag im Hörsaal, interaktive Sitzungen statt Lerngruppen im Foyer der Phil-Fak. Das digitale Zeitalter hat vor allem den Bereich der Lehre an Universitäten „dramatisch verändert“, wie Dr. Jürgen Handke, Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Phillips-Universität sagte. Einen Beleg sieht der 59-Jährige tagtäglich: „Mein Büro ist ein Videostudio geworden“, sagte Handke. Denn Clips, die in einem eigenen Youtube-Kanal unter dem Namen „linguistics­marburg“ weltweit für die Nutzer zugänglich sind, bilden einen Schwerpunkt in der Lehre von Handke. „Warum sollte man immer wieder die Abseitsregel wiederholen“, so Handke. Viele Dinge seien erklärt und eine gewisse Sättigung erreicht.

Deshalb vermittelt der 59-Jährige einen Großteil der Seminar­inhalte, die früher in Frontal-Vorträgen doziert wurden, über maximal 20-minütige Videos. Darin werden aber auch rein organisatorische Fragen beantwortet, wie man sich beispiels­weise zu einer Prüfung anmeldet oder welche Fristen zu beachten sind. „Man spart so viel Zeit im administrativen Bereich und kann sich auf die eigentlichen Inhalte konzentrieren“, sagte Handke.

Ergänzt werden die Lerneinheiten durch interaktive Sitzungen, eine Lernplattform und eine Prüfung – letzteres auch, um eine Ablenkung der Studierenden beim Gucken der Videos zu vermeiden. Denn, das ist einer der wenigen Nachteile des computer-unterstützten Lernens, Ablenkungen gibt es am Computerbildschirm viele. Aus den einzelnen Prüfungsergebnissen, die jeweils über 60 Prozent liegen müssen und beliebig oft verbessert werden können, errechnet sich automatisch eine Seminar-Abschlussnote.

Die Vorteile dieser unter dem Begriff „Inverted Classroom“ („umgedrehtes Klassenzimmer“) zusammengefassten Unterrichtsform liegen für Handke vor allem in dem Mehr an Zeit, die für die Vertiefung von Inhalten in Übungen eingesetzt werden kann. „Die Studierenden sind viel stärker ins Unterrichtsgeschehen eingebunden und nehmen aktiv an den Lerneinheiten teil“, sagte Handke.

Dass sich durch diese Lernform auch die Rolle des Professors verändert hat, sieht Handke als einen positiven Effekt an. „Der Professor ist nicht mehr eine Person, die gottgleich auf der Bühne spricht und nach 90 Minuten den Saal verlässt.“ Vielmehr sei der Dozent eher ein Begleiter im Lernprozess – der dadurch auch mehr gefordert ist. „Es ist etwas anderes, wenn man 90 Minuten eine möglicherweise vorgeschriebene Vorlesung hält oder ständig bei unterschiedlichen Fragen eine Hilfestellung geben soll. Man muss einfach mehr wissen.“

Die neue Form des akademischen Lehre sieht Handke als Herausforderung für Professoren an. „Es wird sich vielleicht nicht jeder in Youtube-­Videos trauen, da man sich durch mögliche Fehler oder Unklarheiten von einem viel breiteren Publikum angreifbar macht. Es könnte zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft kommen.“

von Andreas Arlt

Im Blickpunkt

Der gebürtige Hannoveraner Jürgen Handke studierte zwischen 1975 und 1980 Englisch, Sport und Philosophie auf Lehramt in seiner Heimatstadt und von 1981 bis 1983 postgraduale Linguistik an der University of Reading (England). 1984 promovierte Handke mit einer Arbeit über Adverbialsätze im Englischen. Seit 1991 ist der 59-jährige Familienvater Professor in Marburg. Die Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Linguistik und des ­E-Learnings. Handke ist leidenschaftlicher Hobby-Musiker.

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