Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
"Angepasst und stromlinienförmig"

Umfrage unter Studenten "Angepasst und stromlinienförmig"

Kritik am Studium gab es immer. Früher war es die Frontallehre, später die Studiengebühren und dann kam der Bologna- Prozess und mit ihm der Sparzwang, der auch an Marburgs Uni Einzug hielt.

Voriger Artikel
Sollten Afrika die Schulden erlassen werden?
Nächster Artikel
"Der Bachelor ist nichts wert"

Semesterstart an der Uni Marburg - Einführungsveranstaltung der Humanmediziner im Audimax. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Mittags um zwei ist die Mensa am Erlenring gerappelt voll. Voller Studenten aller Fachbereiche - jeder Tisch ist besetzt. Mitten drin im Getümmel sitzen Andrea S., 26 Jahre, BWL-Studentin und Claudia P.., 23 Jahre alt, VWL-Studentin. Beide studieren auf Bachelor, inzwischen im dritten Semester. Sie möchten über ihr Studium sprechen, über die Qualität der Lehre und darüber, dass sie sich das Studieren irgendwie anders vorgestellt hatten.

Die Möglichkeit zum freien Denken, zum wissenschaftlichen Forschen, zum „Über-den-Tellerrand-hinausschauen“, und zum sich intellektuell ausprobieren hatten sie sich erhofft. Stattdessen lernen sie, - wie die beiden meinen - in einer komplett verschulten Atmosphäre, die geprägt ist von Anwesenheitspflicht, Abfragen durch die Dozenten und einem Gong, der das Ende der Vorlesung einleitet.

Die Dozenten gäben sich gar keine Mühe mehr, sondern klatschen den Studenten nur noch die Lerninhalte vor, bemängeln die Studentinnen. „Man macht sich schon gar keine Gedanken mehr, weil man schon alles vorgefertigt hingeworfen bekommt und man sowieso nur noch für die Punkte lernt“, sagt Andrea. „Durch das Bachelorsystem verlernt man das eigenständige Denken, weil alles schon aufbereitet wird“, ergänzt Claudia.

Studenten lassen sich berieseln

Das Selbststudium komme aus Zeitmangel viel zu kurz - man lerne nur noch den Stoff, der für die Klausuren relevant sei. Selbst erarbeiten müsse man sich wenig. Alles sei schon vorgefertigt. Professoren arbeiten mit portionsgerechten Power-Point-Präsentationen, von denen die Studenten sich berieseln ließen.

Einen Klausurerfolg garantierten Handouts, auf denen Klausurinhalte mundgerecht zusammengefasst seien, sagen beide: „Man muss nur noch auswendig lernen und auskotzen.“

1999 wurde durch den Bologna-Prozess ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum beschlossen, der von 47 Staaten getragen wurde. 2002 wurde dazu das Hochschulrahmengesetz novelliert, in dessen Folge die Diplom- und Magisterstudiengänge mit einer Regelstudienzeit von neun Semestern durch den sechssemestrigen Bachelor ersetzt wurden. Ein Master von vier Semestern kann angehängt werden.

Die Lerninhalte der verschiedenen Studiengänge wurden jedoch fast gar nicht überarbeitet, sondern in die kürzere Zeit gepresst. Ein Punktesystem soll die Vergleichbarkeit der Ausbildungsfortschritte auf europäischer Ebene, die kürzere Studienzeit einen früheren Berufseinstieg garantieren. Inwiefern dieser Plan aufgegangen ist, diese Ziele erreicht wurden, bleibt auch in Zukunft zu diskutieren.

Keine Perspektive für die Zukunft

Claudia P., die bereits ein geisteswissenschaftliches Bachelorstudium absolviert hat, sagt: „Ich habe mich weder fit für das Berufsleben gefühlt, noch bin ich überhaupt genommen worden.“ Die Einführung des Bachelor sieht sie als Fehler: „Die Leute sind einfach zu unterqualifiziert.“

Durch die von Klausuren und Hausarbeiten voll gestopften Semesterferien bleibe überhaupt keine Zeit für Arbeit oder Praktika, die dazu dienen, während des Studiums Berufspraxis zu sammeln. Die Folgen aus dem Zwang zum zügigen Studieren und der Art, wie Dozenten ihren Stoff vermittelten, sind für die beiden Studentinnen eindeutig: „Statt kritisch zu denken, sind die Studenten heutzutage angepasst und unmündig. Sie sind stromlinienförmig.“

  • Ob die beiden mit ihrer Meinung alleine dastehen, ob es vielleicht noch mehr Kritikpunkte gibt und wie die Stimmung unter den Marburger Studierenden bezüglich ihres Studiums ist, erfahren sie nächste Woche an dieser Stelle. Im zweiten Teil zu dieser Thematik hat die OP Studierende quer durch alle Fachbereiche gefragt: Wie zufrieden bist du mit deinem Studium?

von Kristina Gerstenmaier

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Instagram