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„Amt war kein Hort des Widerstands“

Studie „Amt war kein Hort des Widerstands“

„Die Verstrickung von Angehörigen des Auswärtigen Amtes in den Nationalsozialismus war breiter und tiefer, als wir angenommen hatten“, sagt der Marburger Historiker Professor Eckart Conze.

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Der Dekan des Fachbereichs Geschichte und Kulturwissenschaften der Marburger Universität Prof. Conze hat eine neue Studie zur Verwicklung des Auswärtigen Amtes in den Nationalsozialismus veröffentlicht.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. „ Diese Studie zeigt in erschreckender Klarheit auf der Basis von Akten aus mehr als 30 Archiven, wie das deutsche Auswärtige Amt (AA) ab 1933 an der Gewaltpolitik der Nationalsozialisten beteiligt war“, sagt Professor Eckart Conze, der am Donnerstag in Berlin die Ergebnisse der 2005 von dem damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) beauftragten unabhängigen Historikerkommission vorstellte. „Das schließt auch die Verfolgung und Ermordung von Juden mit ein“, sagte Conze im Gespräch mit der OP.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 habe es im Auswärtigen Amt eine hohe personelle Kontinuität gegeben. Das Bild vom Auswärtigen Amt als „Hort des Widerstands“ gegen das Nazi-Regime sei vor diesem Hintergrund in der Nachkriegszeit auch aus dem Amt heraus lanciert worden. Die von Conze als Sprecher der unabhängigen Historikerkommission zusammen mit drei weiteren Historikern verfasste nun vorliegende knapp 900-seitige Studie räume „mit dieser Geschichtslegende“ auf, so Conze. „Von wenigen Ausnahmen abgesehen, führten die deutschen Diplomaten auch im Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich ihre Tätigkeit bruchlos fort“, schreiben die Historiker in ihrer Einleitung zu dem Buch. „Seit dem 30. Januar 1933 war das Auswärtige Amt das Auswärtige Amt des Dritten Reiches, und als solches funktionierte es bis 1945.“

Angehörige des Amtes seien in den Kriegsjahren auch in die Ermordung von Juden involviert gewesen. In der Reisekostenabrechnung eines AA-Beamten war beispielsweise als Reisezweck die „Liquidation von Juden in Belgrad“ angegeben. Schon amerikanische Historiker hatten in den siebziger Jahren auf dieses Dokument hingewiesen.

Bedienstete des Auswärtigen Amtes haben laut Conze auch an der Vorbereitung der Deportation von Juden in die Vernichtungslager mitgewirkt, waren an der Arisierung jüdischen Vermögens und auch an Ausbürgerungen beteiligt. So habe Ernst von Weizsäcker – Diplomat im Auswärtigen Amt und Vater des späteren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker – 1936 die Ausbürgerung des Schriftstellers Thomas Mann mitinitiiert.

Die Verstrickung in den NS-Terror begann laut Conze bereits 1933. „Es gab nicht zunächst eine ‚gute Zeit‘ des Amtes, auf die später erst die ‚Jahre des Verbrechens‘ folgten“, fasst Conze den Stand der Forschung zusammen.

Zur Person

Seit 2005 ist Professor Eckart Conze (47) Sprecher der „Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik“.

1984 bis 1989 studierte er Geschichte, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an den Universitäten Erlangen, Bonn und Köln sowie an der London School of Economics. Weitere Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere führten ihn ab 1991 an die Universität Tübingen, wo er wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent war. In seiner 1993 veröffentlichten Promotion waren „Deutsch-französische Beziehungen in der amerikanischen Europapolitik“ sein Thema. „Adel im Niedergang? Familienbiographische Studien über die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert“. So lautet der Titel seiner Habilitation (1999).

Conze ist seit 2003 Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Seminar für Neuere Geschichte der Philipps-Universität. Seit 2009 ist er auch Dekan des Fachbereichs Geschichte und Kulturwissenschaften der Marburger Universität. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die deutsche, europäische und internationale Geschichte des 19. Jahrhunderts und 20. Jahrhunderts.

von Manfred Hitzeroth

Mehr lesen Sie am Freitag in der gedruckten OP.

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