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Uni und Stadt Abtransport einer Fachbibliothek
UNIversum Uni und Stadt Abtransport einer Fachbibliothek
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19:57 21.10.2010
Professor Wolf Stefan Vogler nimmt „Grzimeks Tierleben“ aus dem Regal, während im Hintergrund Arbeiter die Bibliothek der Geowissenschaften ausräumen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg. Bereits seit der Entscheidung der Landesregierung für eine Schließung im Jahr 1999 wurde der Fachbereich Geowissenschaften an der Marburger Universität abgewickelt. Nun wird auch die 1 800 Regalmeter umfassende Bibliothek der Geowissenschaften aufgelöst.

Für Professor Wolf Stefan Vogler war der Mittwoch, als der Abtransport der Bücher begann, kein schöner Tag. Der letzte Dekan des Fachbereichs ist gleichzeitig der einzige noch verbliebene Professor seines seit mehr als zehn Jahren nicht mehr existierenden Fachbereichs. Erst in zwei Jahren geht Vogler in den Ruhestand, und es gibt keine Studierenden mehr. Verblieben ist noch eine von Vogler betreute Doktorandin.

„Es ist ein komisches Gefühl, wenn man als Letzter dabei zusehen muss, dass die Bücher aus der Bibliothek abtransportiert werden“, erzählt Vogler der OP in den Räumen der Bibliothek, während hinter ihm Arbeiter einer Speditionsfirma die in Pappkisten verpackten Bücher abtransportieren. Vogler treibt auch die Befürchtung um, dass aus den Büchern der aus seiner Sicht fachlich einzigartigen Bibliothek, die Zeitschriften, Bücher und geologische Karten umfasst, Makulatur wird uns sie auf dem Müll landen. Er hat Angst vor der „Zerstörung von Kulturgut“. Klar ist, dass die Bibliotheksbestände zumindest an der Universität Frankfurt – dem einzigen hessischen Unistandort der Geowissenschaften – nicht benötigt werden.

„Die Bibliothek wird nicht makuliert oder unsachgemäß untergebracht“: Mit diesen Worten tritt Uni-Pressesprecherin Dr. Susanne Igler den Befürchtungen Voglers entschieden entgegen. Es gebe keinen Zweifel über die Bedeutung und Qualität der Fachbibliothek, sagte Igler auf Anfrage der OP.

Die derzeitigen Räume der Bibliothek in dem Mehrzweckbau auf den Lahnbergen werden jedoch von der Universitätsleitung für andere Zwecke benötigt. Nach einer Grundsanierung sollen dort Büros für das vom Land Hessen geförderte Forschungszentrum zur „Synthetischen Mikrobiologie“ sowie für zwei vom Fachbereich Mathematik und Informatik eingeworbene Heisenberg-Professuren entstehen. Für die Grundversorgung der letzten verbliebenen Geowissenschaftler soll ein Teil der Bestände in einem Umfang von 300 Regalmetern in einem Handapparat in der Bibliothek des Fachbereichs Mathematik und Informatik untergebracht werden. Der restliche Bestand soll zwischenzeitlich in den Räumen der alten Wäscherei des Uni-Klinikums wieder aufgestellt werden.

Perspektivisch gesehen könnte die geowissenschaftliche Bibliothek in den Räumen der Zentralen Naturwissenschaftlichen Bibliothek auf den Lahnbergen aufgenommen werden, deutete Igler an. Jedoch seien die Planungen dazu noch nicht abgeschlossen. Die neue Bibliothek der Naturwissenschaften soll bis 2025 errichtet werden, so die Uni-Sprecherin. Professor Vogler sieht die Zukunft der Bestände „seiner“ Bibliothek weitaus pessimistischer. „Ich bin in zwei Jahren weg, und dann wird sich niemand mehr darum kümmern, was mit den Büchern geschieht“, vermutet er.

von Manfred Hitzeroth

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