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„Systematisch gliedern und präsentieren“

Abschlussarbeiten „Systematisch gliedern und präsentieren“

Uni-Abschlussarbeiten benötigen viel Zeit und intensive Recherche – die Studenten arbeiten daran monatelang. Außer ihnen selbst und dem Prüfer liest sie meist aber niemand.

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Themenfoto: Ein Student sitzt an einem Computer und arbeitet sich in ein wissenschaftliches Thema ein.

Quelle: dpa

Marburg. Referate, mündliche Prüfungen oder Klausuren geraten während des Studiums für viele Studenten zur Gewohnheit. Doch die größte Herausforderung wartet ganz am Ende. Mit der Bachelor- oder Masterarbeit verbringen sie viele Wochen und Monate – allein mit nur einem Thema. So intensiv wie in dieser Zeit haben sich die meisten noch nie zuvor mit etwas beschäftigt. Viel Aufwand, wenig Ertrag? Gelesen werden die entstandenen Werke danach oft nie wieder. Die Themen sind  nicht selten banal und bringen die Wissenschaft nicht wirklich voran. Wozu also das Ganze?

Unter den Arbeiten sind „herrlich-skurrile Themen“

„Es geht darum zu sehen, ob ein Student in der Lage ist, Themen systematisch zu gliedern und zu präsentieren“, sagt Professor Thomas Noetzel vom Fachbereich Politikwissenschaften an der Uni Marburg. Wissenschaftlichen Wert habe eine Bachelor- oder Masterarbeit quasi keinen. Vielmehr handele es sich um eine Art „Gesellenprüfung“. Dass diese Leistung von anderen später kaum beachtet wird, liegt da wohl in der Natur der Sache.

Dabei würde sich das Lesen lohnen, meint der Journalist Michael Wolf, der für die Zeitung „Die Welt“ vor einigen Wochen Abschlussarbeiten in der Berliner Staatsbibliothek unter die Lupe nahm. „Herrlich-skurrile Themen“ seien darunter, schreibt Wolf. So komme  eine Autorin beispielsweise zu dem Schluss, dass das Krähen des Hahnes in verschiedenen Ländern unterschiedlich wahrgenommen werde. Während man in Deutschland „Kikeriki“ verstehe, klinge das Krähen für Türken wie „Ü ürü ü“. Neben solch Skurrilitäten ließen sich in alten Arbeiten zudem auch interessante Analysen und Prognosen finden, die Jahre später in anderem Licht erscheinen. Eines der Beispiele sei ein Ausblick auf finanzielle Probleme durch „milliardenschwere Defizite und einen aufgeblähten Beamtenapparat“ in Griechenland in einer Arbeit aus dem Jahr 1995.

An der Philipps-Universität sind derartige Schätze nicht zu finden. Die Abschlussarbeiten der Studenten müssen zwar einige Jahre lang in den Prüfungsakten aufbewahrt werden, sind jedoch nicht öffentlich einsehbar. Ob weitere Exemplare in den Bibliotheken aufbewahrt werden, liegt in der Entscheidungsgewalt der einzelnen Fachbereiche. Für derartige „Mini-Forschungsarbeiten“ ohne wissenschaftlichen Wert lohne sich das jedoch nicht mehr, sagt Noetzel. Zu Zeiten des Magister-Systems sei dies noch so gehandhabt worden. Seit der Umstellung auf Bachelor und Master sei dies in seinem Fachbereich vorbei.

Dissertation aus dem Jahr 1999 liest sich aktueller denn je

Im Fachbereich Physik wird es genauso gehandhabt – auch dort werden Bachelor- beziehungsweise Masterarbeiten nicht länger aufbewahrt. Es gehe dort darum, „sich in ein Thema einzuarbeiten“ sowie einen eigenständigen Aufbau und Analyse vorzunehmen, meint ­Professor Frank Bremmer. So lange ein Student nachweise, dass er wissenschaftlich arbeiten könne, sei der Erfolg am Ende der Arbeit „nicht primär entscheidend“. „Wenn nichts rauskommt, ist das auch ein Ergebnis“, so Bremmer. Eine Veröffentlichung dessen erscheint demnach nicht gewinnbringend.

Anders verhält sich dies bei Promotionen. Dort würden die Doktoranden dazu motiviert, „eigene Ideen einzubringen“, sagt Bremmer. Dissertationen müssen laut Hochschulgesetz ohnehin veröffentlicht werden. Manche sind auf dem Publikationsserver der Unibibliothek online einzusehen.

Dass manches darin lesenswert ist, zeigt das Beispiel der Dissertation „Migration in Europa“ aus dem Fachbereich Philosophie, die im Jahr 1999 verfasst wurde. Die darin beschriebenen Probleme im Umgang mit Flüchtlingen lesen sich aktueller denn je.

von Peter Gassner

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