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Selbstkontrolle gegen Waffenforschung

Wissenschaft und Ethik Selbstkontrolle gegen Waffenforschung

Die Greuel des modernen Krieges gegenüber dem Nutzen für die Menschheit - in diesem Spannungsverhältnis bewegt sich die Wissenschaft seit jeher.

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Eine ferngesteuerte Drohne der US-Air-Force des Typs MQ-1 Predator.

Quelle: DB US Air Force Ferguson

Marburg. Was auf der einen Seite den technischen Fortschritt voranbringt und vielen Menschen im Alltag helfen kann, kann auf der anderen Seite auch viele Menschen töten. Die Grenze zwischen ziviler Forschung und militärischer Verwertbarkeit ist fließend. Wie also sollte ein Forscher im Zweifelsfall mit dieser Thematik umgehen?

An einigen deutschen Hochschulen gibt es inzwischen eine sogenannte „Zivilklausel“, die jegliche Forschung mit militärischem Nutzen untersagt. Die Philipps-Universität hingegen hat sich Ende 2014 für ein Prinzip der moralischen Selbstbeschränkung entschieden. Laut Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause sei dies der beste Weg „den schmalen Grat zwischen der aus guten Gründen gewährten Forschungsfreiheit und möglichen Beschränkungen von Forschungen zu beschreiten“. Krause verweist darauf, dass Forschungsergebnisse ohnehin in der Regel veröffentlicht werden. Die Uni bekenne sich zum freien Informationsaustausch, der „einen wesentlichen Faktor für die Verbreitung und Generierung wissenschaftlicher Erkenntnisse darstellt“. Forschungsverbote stünden der grundgesetzlichen Forschungsfreiheit entgegen und seien daher „kein geeignetes Mittel“.

Nur 12 Prozent stimmen ab

Bei einer Abstimmung über eine Zivilklausel unter den Studenten hatten die Befürworter zuvor zwar 80 Prozent der Stimmen erreicht, an der Abstimmung hatten aber nur 12 Prozent der Stimmberechtigten teilgenommen.

In den stattdessen in Kraft getretenen „Grundsätzen und Verfahrensregeln für den verantwortungsvollen Umgang mit Forschungsfreiheit und Forschungsrisiken“ bekennt sich die Uni „zu ihrer Verpflichtung, zum Schutz verfassungsrechtlich gesicherter Güter - der Menschenwürde sowie der unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt beizutragen“.

Forschung sei „eine wesentliche Grundlage für den Fortschritt der Menschheit“, berge jedoch immer auch Risiken. „Die doppelte Verwendungsmöglichkeit von Forschungsergebnissen sowohl zu nützlichen als auch zu schädlichen Zwecken macht in vielen Bereichen eine klare Unterscheidung von vermeintlich ,guter‘ und ,böser‘ Forschung unmöglich“, heißt es in dem Papier. Die sogenannte „Dual-Use“-Problematik hatte in einem konkreten Fall 2013 die Debatte um eine Zivilklausel in Marburg ausgelöst.

Insektenforscher von Pentagon gefördert

Der Insektenforscher Professor Uwe Homberg fertigte mit einer Arbeitsgruppe zwischen 2008 und 2011 eine Laborstudie an, die die nächtliche Orientierung von Wüstenheuschrecken zum Thema hatte. Dabei handelte es sich eigentlich nur um biologische Grundlagenforschung. Eine moralische Fragestellung ergab sich aber aus der Finanzierung. Gefördert wurde das Projekt vom US-Verteidigungsministerium, da sich die amerikanische Luftwaffe erhoffte, die Erkenntnisse für Drohnen nutzen zu können.

Derartige Moralkonflikte sollen zukünftig auch durch die „Kommission Forschung und Verantwortung“ vermieden werden. Im Zweifelsfall soll sie den Forscher beraten. Ob sich die Kommission seit ihrer Gründung Ende April 2015 schon mit entsprechenden Fällen beschäftigen musste, möchte der Vorsitzende, Dr. Siegfried Bien, nicht öffentlich machen. Dies würde „die Bedeutung der Kommission schmälern“, da es auf Vertraulichkeit ankomme, sagt er.

Grundsätzlich bleibt aber vor allem der Forscher selbst in der Verantwortung. So heißt es in den Grundsätzen: „In kritischen Fällen muss der Forscher eine persönliche Entscheidung über die Grenzen seiner Arbeit treffen, die er im Rahmen seiner Forschungsfreiheit selbst verantwortet. Dies kann dazu führen, dass - auch gesetzlich nicht untersagte - Vorhaben im Einzelfall nur in modifizierter Form oder überhaupt nicht durchgeführt werden.“

von Peter Gassner

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