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Sammeln für die Wissenschaft Von Affensattel bis Zirkelkasten
UNIversum Sammeln für die Wissenschaft Von Affensattel bis Zirkelkasten
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00:12 04.06.2012
Ilka Agricola mit dem Sammlungs-Maskottchen Philipp, das in einer der Vitrinen auf einem "Affensattel" sitzt, dem Gipsmodell einer Fläche mit drei Tälern (zwei für die beine, eins für den Schwanz). Quelle: Sabine Nagel-Horn
Marburg

Fast sieht es wie Kunst aus: Pastellfarbige Papierobjekte und handschmeichlerisch geschwungene Gipsplastiken stehen in der Fachbereichsbibliothek Mathematik in ausgeleuchteten Vitrinen.

Doch Kunst ist es nicht, sondern Mathematik: Die Objekte in den Vitrinen sind mathematische Modelle. Sie veranschaulichen mathematische Funktionen und geometrische Figuren. „Selbstverständlich könnte man Mathematik auch ohne Modelle betreiben. Aber es hilft beim Verstehen, wenn man etwas in die Hand nehmen kann“, sagt Professor Ilka Agricola. Sie ist wissenschaftliche Leiterin der mathematischen Modellsammlung.

Ihr ist es zu verdanken, dass die Sammlung überhaupt wieder präsent ist: Bevor sie 2008 als Professorin für Differentialgeometrie und Analysis an die Marburger Uni kam, machte sie in ihren Berufungsverhandlungen finanzielle Mittel zur Wiederbelebung der Sammlung zur Bedingung. Sie bekam die Zusage und machte sich daran, hinter Schränken und in Teeküchen nach den Exponaten zu suchen.

Rund 200 Stücke fand sie in verstaubten Kartons, ließ einige restaurieren, fertigte neue an, akquirierte gebrauchte Museumsvitrinen und sorgte außerdem dafür, dass die Sammlung wieder in den Lehrbetrieb integriert wurde. „In den Grundvorlesungen kommen regelmäßig Stücke aus der Sammlung zum Einsatz. Je höher die Vorlesung, desto weniger kann man das Gelehrte am Modell veranschaulichen“, sagt Ilka Agricola. Doch wenn ein Student zu Beginn seines Studiums mit Modellen gearbeitet habe, dann entwickle er „eine Intuition dafür, sich auch höherdimensionale Objekte irgendwie vorzustellen“, sagt sie.

Diese Überzeugung herrschte an der Uni allerdings nicht immer: In den 70er Jahren habe es einen regelrechten Bildersturm gegeben, erzählt die Professorin. Da seien Modelle zerstört und entsorgt worden, ja es sei nach Berichten älterer Kollegen sogar geduldet worden, dass Studenten mit mathematischen Modellen Fußball spielten. Denn die Veranschaulichung anhand von plastischen Objekten habe als antiquiert gegolten – „Die Mathematik sollte ganz abstrakt sein.“

Neben den mathematischen Modellen beherbergt die Sammlung auch eine Auswahl mechanischer Rechen-, Vermessungs- und Zeichenmaschinen. „Mechanische mathematische Geräte waren bis zur Einführung des Computers ein deutscher Exportschlager“, erzählt die Professorin, während sie sich über einen Pantographen von 1866 beugt. Das Gerät aus vier gelenkig miteinander verbundenen Messingrohren erscheint dem Laien rätselhaft. Doch früher war es ein gebräuchliches Mittel, um Zeichnungen oder Landkarten maßstabsgetreu zu vergrößern oder verkleinern. In Zeiten von Fotokopierern und elektronischen Zeichenprogrammen ist das Gerät überflüssig geworden. Doch die Mathematik, die dahinter steckt, ist aktuell wie eh und je: „Das ist Strahlensatz, Mathe-Unterricht der Mittelstufe“, sagt Ilka Agricola leichthin.

Sie selbst bewegt sich bei ihrer Forschung in Sphären, die nicht mehr am Modell darstellbar sind. Dennoch sind ihr die Modelle lieb und teuer, und es macht ihr Spaß, sie in Vorlesungen und Seminare „einzubauen“. So bietet sie zum Beispiel ein Modellseminar an, in dem jeder Student einen Vortrag zu einem von ihm ausgewählten Modell hält und außerdem einen praktischen Teil dazu für die Kommilitonen ausarbeitet. „Die Studenten werden sich an dieses Seminar später vielleicht mehr erinnern als an manche langweilige Vorlesung“, sagt die Professorin. „Weil sie etwas be-greifen konnten.“ Die Sammlung in der Bibliothek des Fachbereichs Mathematik und Informatik, Hans-Meerwein-Straße, kann zu den Öffnungszeiten der Bibliothek besichtigt werden: Montag bis Donnerstag 9 bis 18, Freitag bis 17 Uhr. Mehr Info gibt es unter www.uni-marburg.de/fb12

von Sabine Nagel-Horn