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Tolle Geräte mit schwierigen Namen

Uni-Sammlungen: Physik Tolle Geräte mit schwierigen Namen

Wer die Physikalische Sammlung der Philipps-Universität besucht, sollte keine Angst vor langen, komplizierten Wörtern haben.

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Physiker Andreas Schrimpf zeigt in der Physikalischen Sammlung das vermutlich älteste Instrument der Philipps-Universität, eine Luftpumpe aus dem 17. Jahrhundert.

Quelle: Sabine Nagel-Horn

Marburg. Repetitionstheodolit, Spiegelprismenkreis und Sinus-Elektrometer: Das sind nicht einfach nur Wörter, mit denen Lehrer ihre Schüler im Diktat quälen. Das sind vor allem Bezeichnungen für faszinierende Geräte, mit denen Fachleute Unglaubliches anstellen.

Mit dem Sinus-Elektrometer beispielsweise kann Privatdozent Dr. Andreas Schrimpf die Lichtgeschwindigkeit messen, jenes unvorstellbar schnelle Tempo, mit dem sich ein Lichtstrahl durch den Raum bewegt. „Diese Erfindung ist so genial, sie hätte den Nobelpreis verdient“, sagt Schrimpf, „doch den gab es damals noch nicht“ - das High-Tech-Instrument wurde bereits 1853 von dem Marburger Physik-Professor Rudolf Kohlrausch erfunden, fast 50 Jahre vor der Verleihung des ersten Nobelpreises.

Heute steht ein Exemplar der Kohlrausch‘schen Erfindung in einem kleinen Gewölberaum am Renthof. Im Erdgeschoss des Sternwarten-Turmes, auf rund 20 Quadratmetern Fläche, präsentiert der Fachbereich Physik die wertvollsten Stücke seiner Gerätesammlung. „Hier stehen etwa 80 Exponate. Im Lager haben wir dann noch einmal knapp 1000“, erzählt Schrimpf.

Unter den ausgestellten Stücken ist neben optischen, vermessungstechnischen, astronomischen und elektrotechnischen Geräten der vergangenen 300 Jahre auch das wahrscheinlich älteste Instrument der gesamten Philipps-Universität: eine Luftpumpe aus dem 17. Jahrhundert, mit der die angehenden Wissenschaftler Unter- und Überdrücke in einer Glasglocke herstellen konnten. Altertümlich, aber im Prinzip aktuell, berichtet Schrimpf: „Ähnliche Pumpen verwenden wir auch heute noch in den Praktika“. Und einmal im Jahr bei der „Nacht der Kunst“ - dann lassen Physikstudenten zur Freude der neugierigen Laien Schokoküsse mit Hilfe einer solchen Luftpumpe im Unterdruck anschwellen, bis die Schokolade reißt.

Die Nacht der Kunst (in diesem Jahr am 22. Juni) ist eine der seltenen Gelegenheiten für Außenstehende, sich die historischen Geräte anzuschauen, an denen früher Studenten ausgebildet wurden. Regelmäßige Öffnungszeiten hat die Sammlung nicht, denn sie läuft wie viele der universitären Sammlungen nebenher, ohne eigene personelle oder finanzielle Ausstattung. Dennoch öffnet Andreas Schrimpf hin und wieder die Tür zu dem ehemaligen Stadtmauer-Turm für Gruppen oder für Forscher, die in der Sammlung das fehlende Puzzleteil für ihre wissenschaftliche Arbeit suchen. So wie der niederländische Wissenschaftshistoriker, der beim Anblick der erwähnten Luftpumpe begeistert ausrief: „Das ist ja meine Pumpe!“ - denn über den Verkauf eben dieses Gerätes von Leiden nach Marburg hatte er Jahre zuvor geforscht und dabei die Auskunft erhalten, es sei verschollen.

Verschollen sind trotzdem viele wertvolle Stücke, denn noch vor wenigen Jahrzehnten landeten wahre Schätze aus der Sammlung einfach im Müll. Oder anderswo: In den 80er Jahren wurde zufällig eine merkwürdige, lange und schmale Holzkiste im Straßengraben unweit des Fachbereichs gefunden. Darin lag ein Eisenstab von rund 192 Zentimetern Länge mit der Aufschrift „Toise“, dem französischen Wort für das Längenmaß „Klafter“. Es handelte sich um das hessische Urmaß, mit dessen Hilfe Christian Ludwig Gerling in den Jahren 1823 bis 1837 die erste systematische und zuverlässige Vermessung Hessens durchführte, die Kurhessische Landestriangulierung. Auf die damals gezeichneten topografischen Karten stützen sich noch heute Ämter und Behörden.

Das Urmaß, das damals in Paris geeicht und in Marburg aufbewahrt wurde, hat jetzt einen festen Platz in der Physikalischen Sammlung. Dort sticht es nicht nur durch seine beeindruckende Länge heraus. Auch durch seine einfache Funktionsweise - und seinen schlichten Namen.

von Sabine Nagel-Horn

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