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In Gips gegossene Kunstgeschichte

Serie Uni-Sammlungen, Teil 3 In Gips gegossene Kunstgeschichte

Ein nackter Sportler holt zum Diskuswurf aus. Die junge Dame neben ihm schaut diskret zur Seite, während ein strenger Pharao den Athleten aus der Ferne anstarrt.

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Stelldichein in der Sammlung: Professor Rita Amedick (von links), Professor Winfried Held und Dr. Laura Puritani vom Archäologischen Seminar in Gesellschaft gipserner Persönlichkeiten.

Quelle: Sabine Nagel-Horn

Marburg. Kein absurdes Theater, sondern eine Szene in der Antiken- und Abguss-Sammlung: Die beteiligten Personen sind aus Gips, stammen aus ganz unterschiedlichen kunstgeschichtlichen Epochen und dienen in Marburg der Wissenschaft.

Fast 600 Exponate umfasst die Sammlung des Archäologischen Seminars im Ernst-von-Hülsen-Haus. Darunter sind überlebensgroße Statuen wie der griechische Diskuswerfer oder der ägyptische Pharao, aber auch ganz kleine Figuren und Reliefs, zum Beispiel vom Zeustempel im griechischen Olympia. Allen Ausstellungsstücken gemeinsam ist das Material: Sie wurden als Gips-Abgüsse von Original-Kunstwerken angefertigt und sind damit plastische Nachbildungen im Maßstab 1:1.

Diese Nachbildungen bieten den Marburger Archäologie- und auch Kunstgeschichte-Studenten die einmalige Möglichkeit, kunstgeschichtliche Epochen direkt und am originalgroßen Objekt zu „erleben“. Die Studenten können die Kunstwerke viel besser als am Original-Standort von allen Seiten betrachten, sie sogar auf beweglichen Sockeln hin- und herrücken. Zusätzlich wird es durch den Umfang der Sammlung möglich, die Werke im Vergleich zu anderen Objekten derselben Epoche zu verstehen und auch die Unterschiede zu Plastiken anderer Epochen herauszuarbeiten.

„Die Sammlung hat nichts an Aktualität eingebüßt“, sagt Professor Winfried Held, der Geschäftsführende Direktor des Archäologischen Seminars an der Marburger Uni. Seine Kollegin Professor Rita Amedick erläutert, warum auch in Zeiten umfassender Bilddatenbanken das Studium am Gipsabguss unschlagbar ist: „Fotografien können verfälschend wirken.“

Denn antike Skulpturen und Reliefs wirken auf Bildern oft unproportional und unbeholfen, weil sie speziell für ihren geplanten Standort geschaffen wurden: Friese am Giebel eines Tempels, hoch über den Köpfen der Betrachter, gestalteten die Künstler absichtlich so, dass es aus der Unterperspektive genug zu erkennen gab. Auf einem frontal aufgenommenen Foto gehen diese Informationen unter.

Auch die Proportionen sind am plastischen Objekt besser zu verstehen als auf einer zweidimensionalen Abbildung. Denn kolossale Statuen haben nicht selten - scheinbar - viel zu große Köpfe im Vergleich zu ihren Füßen und Beinen. Aus der Sicht des Menschen, der an der Figur hinaufschaut, sind die Dimensionen jedoch genau richtig aufeinander abgestimmt - Erfahrungen, die man nur am echten Kunstwerk oder eben am Gipsabguss machen kann.

Einige Abgüsse in der Marburger Sammlung sind inzwischen sogar aufschlussreicher als ihre Vorlagen: Manche der Gipsfiguren wurden bereits vor 200 Jahren angefertigt und dokumentieren damit einen Zustand, den die Originale selbst schon lange nicht mehr haben. Während die Luftverschmutzung an so mancher Marmor-Plastik Details und Strukturen bis zur Unkenntlichkeit verätzt hat, sind die Marburger Abgüsse noch so fein modelliert wie bei der Ausgrabung ihrer Originalvorlagen im 18. oder 19. Jahrhundert.

Die Marburger Uni wird von anderen Universitäten oft um ihre Abguss-Sammlung beneidet, erzählt Winfried Held. Denn während vergleichbare Sammlungen anderer Hochschulen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, blieb die Marburger Sammlung als eine von ganz wenigen in Deutschland unversehrt.

Auch für Laien ist der Spaziergang durch die in Gips gegossene Kunstgeschichte spannend und interessant. Die Sammlung im Ernst-von-Hülsen-Haus, Biegenstraße 11 (Eingang durch den Garten) ist an jedem Dienstag von 12 bis 14 Uhr für jedermann geöffnet.

von Sabine Nagel-Horn

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