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Der Rundgang geht unter die Haut

Sammlungen der Philipps-Uni, Teil 2 Der Rundgang geht unter die Haut

Vermessene Schädel, geschärfte Skalpelle und viele filigrane Blutgefäße: Im Museum Anatomicum wird die Neugier auf den menschlichen Körper gestillt.

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Zähne zeigen für die Bildung: Wie der Mensch von innen aussieht, illustriert das Museum Anatomicum unter anderem mit einer umfangreichen Skelettsammlung.

Quelle: Sabine Nagel-Horn

Marburg. „Ich fand es toll, aber auch ein wenig eklig“: Dieser Satz, den ein Kind im Gästebuch des Museum Anatomicum hinterließ, bringt das Spektrum der Emotionen in dieser ganz speziellen Sammlung auf den Punkt.

Mehr als 3,000 anatomische Präparate aus der Zeit von 1650 bis 1920 sind in der Sammlung zusammengetragen. Interessant und lehrreich sind die Exponate fast alle, aber für manche braucht der Besucher auch starke Nerven.

So sind zum Beispiel die missgebildeten Babys, die blass und unheimlich seit 200 Jahren in großen Glasgefäßen schwimmen, nicht eben ein schöner Anblick. „Da weisen wir die Besucher am Eingang drauf hin“, sagt Dr. Kornelia Grundmann, die Kustodin des Museums.

Ihr ist es wichtig, dass das Museum Anatomicum nicht als Gruselkabinett wahrgenommen wird, sondern als das, was es ist: eine bedeutende wissenschaftliche Sammlung, die auch einen wesentlichen Teil der Universitätsgeschichte repräsentiert.

Und die Geschichte der Anatomie: Viele der ausgestellten Präparate sind – gemessen am damaligen Standard – High-Tech-Produkte von internationalem Rang. Beeindruckend sind auch aus heutiger Sicht die filigranen Injektionspräparate aus dem 19. Jahrhundert: Sie bestehen aus feinsten Adern und Äderchen, vom Präparator einzeln mit geschmolzenem, eingefärbtem Wachs ausgespritzt, sodass ein plastisches Gerüst von Blutgefäßen entsteht – in der Form einer menschlichen Hand, eines Halses oder gar eines ganzen Kinderkörpers.

Auch die Geschichte der Medizin wird in den Räumen an der Robert-Koch-Straße anschaulich. Die ausgestellten chirurgischen Bestecke und Hebammenwerkzeuge beispielsweise geben einen Eindruck davon, womit Patienten in früheren Jahrhunderten zu rechnen hatten, wenn sie sich in die Hände von medizinischem Fachpersonal begaben.

Irrwege der Medizin sind ebenfalls dokumentiert, die Phrenologie zum Beispiel. Dieser medizinische Wissenschaftszweig, der um 1800 populär war, ordnete Merkmalen des menschlichen Schädels bestimmte Charaktereigenschaften zu. Die Phrenologen gingen sogar so weit, dass sie annahmen, es müsse einen typischen „Verbrecherkopf“ geben, an dem böse Menschen zu erkennen seien.

Einige dieser Verbrecherköpfe sind im Museum in einer Vitrine zu sehen: Jeweils der präparierte Schädel sowie ein direkt nach dem Tod vom Gesicht abgeformtes Relief machen drei hessische Mörder aus dem 19. Jahrhundert gewissermaßen unsterblich. „Man sollte das aber nicht zu sehr ins Lächerliche ziehen“, sagt Kornelia Grundmann, während sie die trügerisch sympathisch wirkenden „Verbrecherköpfe“ in der Vitrine mustert. Denn wie so viele Irrwege der Wissenschaft war auch die Phrenologie nicht vergebens: Ihr Begründer, der Anatom Franz Joseph Gall, lag zwar mit seinen Theorien zur Schädelvermessung daneben. Was im Inneren des Schädels vor sich geht, verstand er aber so gut wie niemand vor ihm. Er ordnete als Erster den verschiedenen Regionen des Gehirns eigene Funktionsbereiche zu, eine wesentliche Voraussetzung für die heutige Hirnforschung.

Erkenntnisse wie diese gibt es zuhauf im Museum Anatomicum, wenn man sich einer fachkundigen Führung anschließt. Angeboten werden diese Rundgänge für Krankenpflegeschüler und Medizinstudenten, aber auch für interessierte Bürger ohne medizinischen Hintergrund. 2 500 Besucher pro Jahr gönnen sich die Gratwanderung zwischen Wissensvermittlung und Gänsehaut.

Das Museum Anatomicum, Robert-Koch-Straße 6, ist an jedem ersten Samstag im Monat von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Für Gruppen auch individuelle Termine unter 06421/28-67011.

von Sabine Nagel-Horn

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