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„Positiver Nutzen“ überwiegt für alle

Programm "Wohnen für Hilfe" „Positiver Nutzen“ überwiegt für alle

Von dem Mietpreis, den Tamar Tsomikuridze für ihr Zimmer bezahlt, können viele andere Studenten nur träumen. Bei Familie Mierisch wohnt sie kostenlos für ein wenig Hilfe bei Haushalt und Kinderbetreuung.

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Tamar Tsomikuridze (rechts) und Eva-Maria Mierisch spielen mit den Kindern Jonas und Melina.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Als die gebürtige Georgierin vor anderthalb Jahren bei der Familie einzog, war es zunächst ein Versuch auf Zeit. Erst mal nur für ein Semester, stimmten Eva-Maria Mierisch und ihr Mann Martin darin ein, die Studentin in ihrem Haus wohnen zu lassen. Heute, nach anderthalb Jahren, ist „Tako“, wie Tamar Tsomikuridze gerufen wird, aus dem Haushalt der Mierischs nicht mehr wegzudenken. „Es ist eine richtige Freundschaft entstanden“, sagt Eva-Maria Mierisch. „Wir wollen sie nicht mehr missen.“

Über das Programm „Wohnen für Hilfe“ von Studentenwerk und der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf ist das Wohnverhältnis der Familie und der 23-Jährigen fixiert. Einmal wöchentlich putzt die Studentin im Haus und hilft nach Absprache beim Babysitten. Maximal 20 Stunden im Monat verdient sie sich so ihre Unterkunft, versichert ist sie dabei über das Studentenwerk. Bislang ist sie eine von wenigen Studenten in Marburg, die von diesem Programm Gebrauch machen können.

"Man kann auch Pech haben"

Von ein wenig Skepsis konnte auch Eva-Maria sich zu Beginn nicht freimachen. „Man weiß ja am Anfang nicht, was einen erwartet“, sagt sie. Mit einer bis dahin unbekannten Person „kann man natürlich auch Pech haben“. Mit dem Vertragsformular des Studentenwerkes haben sie daher Regeln und Freiheiten festgelegt. „Tako“ verfügt über ihr eigenes Zimmer und ein eigenes Bad. Sie darf die Waschmaschine mitbenutzen und auch der Zugang zum Garten steht ihr frei. „Es sind durch das ausführliche Vertragsformular Dinge festgelegt, die sonst vielleicht zu Zwist führen könnten“, erklärt Mierisch. Alles ist schriftlich festgelegt für den Fall, dass das Miteinander nicht funktioniert.

Schnell wird aber klar: Die Chemie stimmt. Nicht nur die beiden Kinder Jonas (5) und Melina (2) haben „Tako“ längst in ihr Herz geschlossen. Für Eva-Maria Mierisch ist die Studentin eine ideale Hilfe, gerade was die Kinderbetreuung angeht. „Einen Babysitter zu finden, ist nicht einfach. Gerade bei noch sehr kleinen Kindern. Da ist es schwer, sie an eine fremde Person zu gewöhnen“, findet sie. Eine Person, die - ähnlich wie eine Au-Pair - bei der Familie wohnt, sei da „fast die einzige Möglichkeit“, es sei denn, die Großeltern sprängen ein.

Freiheit nicht beschränkt

Zudem müsse sie nicht noch weit nach Hause fahren, wenn es einmal später wird und könne auch einmal einspringen, wenn es nur um ein paar Minuten gehe. Zudem sei das Verhältnis zwischen allen inzwischen so gut, dass die Kinder bei gemeinsamen Aufenthalten im Garten von sich aus mit der Studentin spielten. „Für mich ist das dann einen Moment lang wie Urlaub“, freut sich Eva-Maria. Doch auch „Tako“ selbst ist mit der Situation sehr zufrieden.

„Ich fühle mich hier wie zuhause“, sagt sie. „Und ich liebe Kinder.“ Nach anderthalb Jahren im Studentenheim musste sie dort ausziehen und sich auf Wohnungssuche begeben. Doch die ist in Marburg nicht immer einfach. Viele Wohnungen waren ihr schlichtweg zu teuer. Über eine Freundin entstand dann der Kontakt zur Familie. In ihrer Freiheit eingeschränkt fühlt sie sich dort nicht. Nach Absprache könne sie auch schon einmal abends mehrere Leute in den Garten einladen, ansonsten gehe sie, „wenn ich Party machen möchte, einfach in die Stadt oder in eine Disko“. In ihrer Zeit im Studentenheim habe sie außerdem schon ausgelebt, nicht mehr bei den Eltern zu sein. „Es gibt viele andere Studenten, die das auch gern hätten“, erzählt sie von Reaktionen der Kommilitonen. Viele seien von ihrem Beispiel begeistert. „Viele, die davon hören, sagen: Ach ist das toll“, weiß auch Eva-Maria zu berichten. Im Sinn hätten diejenigen meist aber nur: „Das wäre was für meine Eltern“ oder für Bekannte. Davor, selbst aktiv zu werden und einen Student bei sich aufzunehmen, bestünden aber Hemmungen.

Erste Hemmschwelle die größte Hürde

„Man muss nur die erste Hemmschwelle überwinden“, glaubt sie. Die größte Hürde sei dann, eine Person erst mal so kennenzulernen, dass eine Vertrauensbasis da sei. Letztlich aber stehe „der positive Nutzen deutlich im Vordergrund“. Sollte „Tako“ eines Tages ausziehen, würde sie - sollten die Kinder dann nicht schon zu groß sein - immer wieder jemand Neues bei sich aufnehmen.

Das Programm „Wohnen für Hilfe“ richtet sich nicht nur an Familien, sondern auch an Senioren, die ein wenig Hilfe im Alltag benötigen. Laut Studentenwerk seien aber beispielsweise auch der „Singlehaushalt, der das Haustier in guten Händen wissen möchte oder oder oder...“ angesprochen. Interessierte können sich unter (06421) 296113, oder per Email an wfh@studentenwerk-marburg.de melden.

von Peter Gassner

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