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Per Shuttle zu den Vorlesungen

Campusleben Per Shuttle zu den Vorlesungen

Katrine trägt Weihnachts-T-Shirts im Sommer, mag Deutschland und findet Weißwürste eklig. Die 21-jährige Britin ist querschnittsgelähmt und macht ihr Auslandssemester in Marburg.

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Katrine Rolfe (Mitte) und ihre Betreuerinnen Hanna  Völker (Zweite von links), Elisabeth ­Beckermann und Melanie Jagst, sowie Erasmus-Koordinatorin Eva Sourjikova (ganz links) treffen sich in der Philfak zum Arbeiten, für Besprechungen und den Austausch.

Quelle: Lisa-Martina Klein

Marburg. Katrine Rolfe studiert im dritten Jahr (sechstes Semester) Germanistik und Niederländisch an der University of Nottingham in England. Anders als in Deutschland ist ein „year abroad“, also ein Auslandsjahr, Pflicht für die britischen Studierenden einer Sprache und so verbringt Katrine das Sommersemester 2015 an der Uni Marburg.

Kat, wie sie von allen nur genannt wird, ist seit ihrer Geburt querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl, den sie per Joystick bedient. „Mir gefällt Marburg, die Menschen sind sehr nett und unglaublich hilfsbereit. So viele Menschen sind schon zu mir gekommen und haben gefragt, ob sie mir helfen können“, schwärmt sie.

Zur Vorbereitung auf das Semester in Deutschland besuchte sie einen Vorbereitungskurs am Sprachenzentrum in Marburg. „Da haben wir etwas über Umgangssprache gelernt, das war sehr lustig. ‚Verflixt und zugenäht‘ und ‚Butter bei die Fische‘ sind seitdem meine Lieblingssprüche.“ Dass die 21-Jährige Humor hat, zeigt auch ihr T-Shirt: ein Rentier mit roter Zipfelmütze und roter Nase, bei gefühlten 30 Grad Außentemperatur im Juni. Sie liebt Deutschland und seine Kultur, sagt sie. Nur Weißwürste findet sie eklig.

Marburg hat eine einzigartige Stellung in Sachen behindertengerechte Uni

Eva Sourjikova ist zuständig für die „incoming students“. „Die Uni in Nottingham hatte große Schwierigkeiten, einen Platz für Kat in Deutschland zu finden. Als wir die Anfrage von Nottingham bekamen, war es klar, dass wir das gerne übernehmen, denn Marburg hat eine einzigartige Stellung in Sachen behindertengerechte Uni.“ Damit meint Sourjikova auch das behindertengerechte Konrad-Biesalski-Haus des Studentenwerks, in dem Kat untergebracht ist. Von dort kommt sie mit dem Shuttle zur Uni und überall sonst, wo sie hin möchte.

Auch wenn viel getan wird in Sachen Integration von Behinderten, die Uni ist nicht komplett geeignet für Rolli-Fahrer. Es gibt zwar einen Treppenlift und Aufzüge, doch beide haben ihre Tücken. „Die Türen des Aufzuges schließen zu schnell für mich“, sagt Kat. Die Türen auf dem Gang bekommt sie alleine gar nicht auf. Die beiden Stockwerke der Germanistik-Bib sind mit einer Wendeltreppe miteinander verbunden – für Kat ein Ding der Unmöglichkeit.

Für genau diese Probleme stehen Kat im Studienalltag drei Helferinnen zur Seite: Elisabeth Beckermann, Hanna Völker und Melanie Jagst organisieren alles rund um die Vorlesungen, Seminare und Tutorien, die Kat belegt hat. Darunter: Neuere Deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichtsschreibung, Literatur der frühen Moderne – von Montag bis Freitag. Entsprechend sind auch ihre drei Betreuerinnen von Montag bis Freitag im Einsatz, begleiten sie in den Unterricht, schreiben für sie mit, bereiten mit ihr die Stunden nach und Referate vor.

"Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir alles raushatten"

„Auch E-Mails schreiben, Bücher holen und Türen aufhalten gehört dazu“, sagt Melanie. „Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir alles raushatten, zum Beispiel wie man die Türen im Aufzug lange genug aufhält, den Schlüssel für den Treppenlift organisiert und die richtigen Wege von der Philfak zum Hörsaalgebäude und zurück wählt“, berichtet Elisabeth.

Zu hohe Bordsteine, Baustellen, eine Schranke: Das alles sind Hindernisse, die Kat den Weg erschweren oder gar unüberwindbar machen. Da ist Teamgeist gefragt. „Wie macht ihr das, wenn ihr von der Philfak zum Hörsaalgebäude wollt?“, fragt Elisabeth. Hanna gibt den anderen beiden Tipps: „Wir verlassen die Vorlesung immer etwas früher und nehmen den Bus von der Philfak zum Erlenring. Von dort aus geht es.“

Kat ist zufrieden: „Inzwischen klappt alles.“ Nicht nur irgendwie, sondern gut, finden alle. „Es fühlt sich auch gar nicht nach einem Job an“, meint Elisabeth. „Wir verdienen etwas Geld damit und können Kat gleichzeitig den Studienalltag ermöglichen, das finde ich toll.“ Im August verlässt Kat Marburg wieder. Aber sie weiß schon jetzt: „Ich werde es vermissen.“

von Lisa-Martina Klein

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