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Nach der Uni geht es in den Ausschuss

Studenten machen Stadtpolitik Nach der Uni geht es in den Ausschuss

Vier Studenten, vier Parteien, vier Sitze im Marburger Stadtparlament: Elisabeth Kula (Die Linke), Hans-Martin Reissner (CDU), Anna Rembas (SPD) und Madelaine Stahl (Grüne) im OP-Gespräch.

Marburg. In den Kneipen der Oberstadt haben es sich ihre Kommilitonen nach einem langen Tag schon gemütlich gemacht. Vier Marburger Studenten führt ihr Weg nach der Uni regelmäßig hier vorbei, ins Rathaus. Elisabeth Kula, Hans-Martin Reissner, Anna Rembas und Madelaine Stahl sind seit März Stadtverordnete. Während viele Studenten nicht mehr die Zeit für ehrenamtliches Engagement finden, bringen sie sich in die Stadtpolitik ein.

Elisabeth Kula (Die Linke)

Elisabeth Kula hat während des Politikwissenschafts-Studiums begonnen, sich politisch zu engagieren. Zuerst beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), für den sie zeitweise auch im Bundesvorstand aktiv war. Mittlerweile ist sie zwar noch im Studierendenparlament, nicht mehr jedoch im Asta vertreten. Dafür sitzt Kula seit April für die Linke in der Marburger Stadtverordnetenversammlung und im Ausschuss für Soziales, Jugend und Gleichstellung. „Das ist
etwas ganz anderes, da musste ich mich erst ein wenig reinfinden. Mittlerweile fühle ich mich aber wohl, es macht Spaß“, sagt Kula (kleines Foto: Archiv). Auch die außerparlamentarische Arbeit macht sie gerne, etwa bei einem gemeinsamen Einsatz mit Eltern gegen die Erhöhung der Kita-Gebühren. Zur Linken hat Kula vor etwa drei Jahren gefunden. Kürzlich hat sie der Landesparteitag in den Landesvorstand gewählt.

In der Hochschulpolitik sieht Kula den fehlenden Nachwuchs als großes Problem. „Die meisten sind damit beschäftigt, Credit Points zu sammeln, und schaffen es nicht mehr, sich zu engagieren.“ Viele wollen es nicht in Kauf nehmen, womöglich mehr Zeit für ihr Studium zu brauchen. Kula wird auch etwas länger studieren, gibt sie zu. Aber das sei für sie nicht so schlimm. Kula schätzt ihren Zeitaufwand für die Politik auf durchschnittlich 20 Stunden. In Sitzungs- und Ausschusswochen werde es auch mal mehr.

Die zweite knappe Ressource im Studium ist neben der Zeit das Geld. Während des Bachelorstudiums hat Kula noch Bafög bekommen, für den Master erhält sie ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Ohne Nebenjob wäre es sonst schwierig.“

Hans-Martin Reissner (CDU)

Hans-Martin Reissner (kleines Foto: Archiv) startete seine politische Laufbahn bereits in der Schule. Ab der Mittelstufe wirkte er in der Schülervertretung mit und war eine Zeit lang Schulsprecher für das Philippinum. 2008 weckte ein Praktikum bei dieser Zeitung sein Interesse an der Kommunalpolitik. Ein Jahr später wurde er in das Kinder- und Jugendparlament der Stadt gewählt.

Seit März sammelt der 22-Jährige nun Erfahrung als Stadtverordneter. Erstes Fazit: „Die Arbeit ist überraschend ineffizient, was aber auch damit zusammenhängt, dass stabile Mehrheiten fehlen.“ Eine weitere Überraschung war für den Jura-Studenten, dass für eine Universitätsstadt sehr wenige Studenten in der Stadtpolitik aktiv werden. „Ich sehe das aber auch im Wahlsystem begründet. Das Kumulieren und Panaschieren macht es einfach schwierig für Ortsfremde.“ Durchschnittlich zehn Stunden in der Woche investiert er in die Politik, schätzt Reissner, der im Ausschuss für Schule, Kultur, Sport und Bäder mitwirkt. Als Stadt- und Kreisverbandsvorsitzender der Jungen Union nimmt er außerdem regelmäßig an Sitzungen der entsprechenden CDU-Verbandsvorstände teil. Zwei bis drei Abendtermine in der Woche seien nicht unüblich. Man könne den Aufwand zeitlich mit einem
Nebenjob vergleichen. „In meinem Fach habe ich das Glück, mir die Zeit freier einteilen zu können. Aber das Studium darf natürlich nicht zu kurz kommen.“ Ohne sein Stipendium von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft wäre ihm der Einsatz nicht möglich, sagt Reissner.

Anna Rembas (SPD)

Ein engagierter Politikwissenschaftslehrer legte bei Anna Rembas (kleines Foto: privat) den Grundstein zum politischen Interesse. Zu Beginn ihres Studiums regte sich dann der Wunsch, politisch aktiv zu werden. Mit der SPD gab es die größten Schnittmengen.

Die 24-Jährige studiert Politikwissenschaft und Kunst, Musik und Medien im neunten Semester im Bachelorstudiengang mit viel Anwesenheitszeit an der Uni. Für die politische Arbeit im Parlament und die Sitzungen im Ausschuss für Umwelt, Energie und Verkehr kommen zwischen fünf und zehn Stunden zusammen, schätzt Rembas. „Es kommt häufiger vor, dass ich vom Seminar direkt in den Ausschuss gehe. Das ist eine Frage des Zeitmanage­ments und der Stundenplanung zu Semesterbeginn“, sagt Rembas. Zwei Jahre lang war sie
Vorsitzende der Jusos für den Bezirk Hessen-Nord sowie im Unterbezirk Marburg.
Die ersten Monate im Parlament habe sie als eine spannende Zeit erlebt. „Es ist gerade vieles im Umbruch. Aber zum Glück gibt es einige Fraktionskollegen, die einem mit Rat zur Seite stehen und an die Arbeit heranführen.“ Ihre eigenen Vorstellungen voranzubringen und die Gesellschaft gerechter zu machen ist ihre Motivation, sagt Rembas.
Neben Studium und Parlamentsarbeit schnuppert Rembas als studentische Hilfskraft bei der Landtagsabgeordneten Angelika Löber (SPD) Landespolitikluft.
Vor allem in der Dauer der Legislaturperiode sieht Rembas ein Hemmnis für Studenten, sich kommunalpolitisch zu engagieren. „Aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten des politischen Engagements.“

Madelaine Stahl (Grüne)

Madelaine Stahl (kleines Foto: privat) hat vor ihrem Einzug in das Marburger Stadtparlament schon als Stadtverordnete in ihrer Heimatstadt Aßlar im Lahn-Dill-Kreis Politik gemacht. „Daher kannte ich die Gepflogenheiten schon. Hier in Marburg fühle ich mich ernstgenommen, mir wird viel Verantwortung übertragen“, sagt die 25-Jährige. Zum Beispiel haben die Parteikollegen sie in die Sondierungskommission gewählt. Kürzlich nahm Stahl sogar am Parteitag der Grünen in Münster teil – ein spannender Termin, sagt die Lehramtsstudentin der Fächer Germanistik und Philosophie.

Die wöchentlich etwa acht bis zehn Stunden politischer Arbeit empfindet Stahl nicht als Belastung. „Ich mache das gerne und es macht mir Spaß. Aber natürlich muss ich auch schauen, dass es nicht zu viel wird.“ Um das Studium zu finanzieren, arbeitet Stahl als Hilfskraft und Tutorin an der Uni. Sie freut sich schon auf den Lehrer­beruf. Stahl arbeitet im Sozialausschuss und im Ausschuss für Schule und Kultur mit. „Um frischen Wind und andere Perspektiven“ in das Gremium einzubringen, wie sie sagt, vertritt die 25-Jährige die Grünen auch im Seniorenbeirat.

Neben der Stadtpolitik ist Stahl als Sprecherin des Bundesvorstands von Campus Grün tätig. Vor Ort macht sie keine Hochschulpolitik mehr, nachdem sie zwei Jahre lang Präsidentin des Stupa war.

von Philipp Lauer

  • Für Studenten, die auch politisch aktiv werden wollen, hat Elisabeth Kula einen Rat: „Es gibt viele Angebote und Gruppen an der Uni. Einfach hingehen – es ist sehr bereichernd, weil man tolle Menschen trifft und neue Freunde finden kann. Und dann: einfach machen.“
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